Wie weit weg ist uns die Ukraine?

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imageSeit dem sogenannten Waffenstillstand von Anfang September ist es scheinbar ruhiger geworden um die Ukraine. Dennoch habe ich mehrere Zuschriften erhalten, wo deutlich wurde, wie sehr dieser Konflikt einige (die sich näher mit diesem Thema befassen) beschäftigt.
Wie weit bzw. wie nahe ist uns dieser Krieg?
Wieso kann ein solcher Konflikt in uns so viel auslösen, so dass man auf einmal manchmal selbst mit Menschen, die einem sehr vertraut waren, keine gemeinsame Sprache darüber findet? Diese Zuschriften haben mich beschäftigt und angeregt, über das Thema grundsätzlicher nachzudenken.

Krieg erschüttert uns wohl im Innersten. Egal, ob wir ihn direkt erleben oder er uns, aus welchem Grund auch immer, innerlich nahe kommt. Er erweckt Ängste. Ängste, die sich aus der realen Situation ableiten. Und tiefsitzende, also aus frühen Kindertagen stammende odér aus schlimmem Erleben rührende, alte Ängste und Sehnsüchte. Er lässt sie in uns rumoren – und wenn wir nicht aufpassen, treibt er uns dazu, die dazugehörigen alten Reaktionsmuster jetzt auch in der Gegenwart und mit den Mitteln von heute auszuagieren.
Und im Grunde gibt es drei Reaktionsmuster:
Nr. 1 Flucht: Nichts wissen und hören wollen davon, nachts die Wohnungstür jetzt dreifach sichern, sich völlig übertriebene Sorgen machen, weggucken, so tun, als ob alles normal wie immer wäre.
Nr. 2 Kampf dem Bösen: den Krieg bzw. den Kriegstreiber bekämpfen, fanatisch pazifistisch sein, den bösen Gegner bekämpfen. Das hat man im Ukrainekrieg bei manchen der zuerst gekommenen Freiwilligen aus Russland gesehen. Die waren von Putins Hetze so aufgestachelt, dass sie ihre Familien verließen, um nach ihrer Meinung gegen die bösen Faschisten und (nun endlich ganz) den CIA zu kämpfen.
Nr. 3 Kampf fürs (alte kindliche) Sehnsuchtsparadies: Es ist der gleiche Kampf, aber aus einer anderen Motivation heraus. Das konnte man zB bei manchen Krimkämpfern aus Russland sehen. Die haben ihr ganzes Leben in der Sehnsucht nach dem großen einigen Mütterchen Russland verbracht und kamen nun mit über 60 noch gerannt, weil sie endlich diesen Traum sich erfüllen sahen.

Dass es sich um Kinderreaktionen bzw. aus alten Erlebnissen rührende handelt, erkennt man daran, dass die Realität teilweise bis fast völlig ausgeblendet wird. So wachen manche der fanatisierten Kämpfer erst auf, wenn ihnen nach dem ersten ernsthaften Angriff auf sie selbst der Arsch auf Grundeis geht. Bei einigen, die von Deutschland aus zum Krieg der IS in den Irak gezogen sind, war von solchem zu lesen.

Dass der Krieg in uns solche Wirkung hat, ist im Grunde nicht verwunderlich, geht es doch dort um die tiefsten Lebensbewegungen, die wir haben: Leben und Tod.

Ich finde, dessen allen muss man sich etwas bewusst sein, um angemessen zu reagieren. Entgehen tut diesen tiefen Bewegungen in uns wohl niemand. Weil wir alle mindestens eine Zeit erlebt haben, wo es um Leben und Tod ging – von unserer Zeugung bis zum ersten Lebensjahr, manche darüber hinaus noch in weiteren gefährlichen Situationen. Wir können solche Reaktionen in uns also nicht vermeiden. Es kommt darauf an, sich ihrer bewusst zu sein – und so dann die Realität klar anzuschauen.

Das will ich jetzt bezüglich der Ukraine versuchen.
Da ist zum einen, dass dieser Krieg zur Zeit lokal sehr begrenzt ist. Selbst unsere Freunde aus Charkiv haben davon direkt nichts mitbekommen. Überall, wo wir in der Ukraine waren, findet ganz normales Leben statt. Er rückt dort den Familien nahe, die Verwandte im Kriegsgebiet haben oder deren Jungs zur Armee müssen.
Für uns individuell bestand nie der Hauch einer Gefahr. In Deutschland also erst recht nicht.

imageNun die andere Seite, so wie ich sie sehe. Putin (ich verwende diesen Namen jetzt als Kennzeichnung für die, die in Russland regieren – im Unterschied zum russischen Volk) ist unberechenbar. Es zeigt sich ja zunehmend, dass der Krimkrieg lange gezielt vorbereitet war: Vor anderthalb Jahren gab es eine neue russische Militärdoktrin, die eine solche Kriegsführung vorsah. Im Herbst 2013 wurden in einem Manöver die notwendigen Techniken gezielt geübt. Es ist also keine schnelle Laune von Putin.
Russland rüstet seit einigen Jahren sehr auf. In den letzten Jahren vermehrten sich außerdem drastisch kleine Grenzprovokationen, Luftraumverletzungen zB.
Das gleiche wie in der Ukraine jetzt fand vor Jahren schon in Moldawien statt, vom Westen gar nicht registriert. Dann in Tschetschenien und 2008 in Georgien. Das kam als Nachrichten in Resteuropa an, sorgte für kurze Empörung, dann überwogen die Geschäfte mit Russland wieder.
Das wäre mit der Krim genauso gegangen, wenn nicht Putin unersättlicher und Poroshenko so entschlossen gewesen wären. Letzteres nötigte Putin, seine Maske nach und nach fallen zu lassen.

Putin machte mit der Krim nicht halt. Er scheute nicht, im Donbass direkt militärisch einzugreifen, als die andere Taktik nicht aufging. Er scheut auch nicht, sein eigenes Volk im Ukrainekrieg zu verbraten und zu belügen.
Was auf internationalem Parkett von ihm kommt, ist ja sowieso nur noch Lüge. Beispiel waren die sogenannten Hilfskonvois. Er fragte ja nicht mal mehr die Ukraine, ob er einfahren darf. Und natürlich haben die Konvois neben etwas Essen vor allem Waffen geladen. Jedesmal nachdem sie eingetroffen waren, fingen die Terroristen verstärkt an zu feuern. Und die LKWs transportieren dann demontierte Werkseinrichtungen, vor allem von Rüstungsbetrieben, von denen gerade in Luhansk einige sehr moderne stehen, nach Russland ab.

imageOder aktuell die Lage nach dem sogennanten Waffenstillstand. Während von russischer und Terroristenseite (was ja de facto das gleiche ist, nur dass man die Rollen geschickt verteilt) ständig von Frieden gefaselt wird, erfährt man, dass die Terroristen laufend mehr vom Flughafengelände in Donezk besetzen. Ist das Frieden im Vorwärtsgang? Man braucht sich nur mal die jüngesten Karten der Ostukraine ansehen und sie mit denen von Anfang September vergleichen. Das Terroristengebiet ist größer geworden!
Also Putin führt dort in Ruhe seinen Eroberungskrieg weiter, während er gegenüber Europa so tut, als ob er Frieden will. Vor einer Woche verkündete er einen Abzug seiner Truppen von der russisch-ukrainischen Grenze. Bis jetzt ist laut NATO überhaupt nichts passiert.
Soeben verlautete von Mailand, dass Putin einen Drohneneinsatz befürwortete. Nur wer genauer las, erfasste den Unterschied: Ursprünglich ging es um eine Überwachung der russisch-ukrainischen Grenze (die zur Zeit de facto keine ist, weil über Hunderte Kilometer von Russland einfach überrannt). Befürwortet hat Putin aber nur eine Überwachung der derzeitigen Waffenstillstandslinie zwischen Ukraine und Terroristenterritorium. Das ist wohl ein kleiner Unterschied, oder?

Ich sehe nicht, warum sich Putin jetzt plötzlich irgendwie ändern sollte. Es läuft doch prima für ihn. Und Europa und die USA haben ja deutlich gesagt, dass sie in der Ukraine nicht militärisch eingreifen. Dh im Klartext, Putin darf dort machen, was er will. Der neue Name für das erstrebte Gebiet ist ja auch schon da, Neurussland. Und die Drohung, Kiew bzw. auch Rumänien, das Baltikum oder Polen anzugreifen ist ebenfalls schon gefallen. Dieser Mann soll sich ändern??

Er müsste von außen dazu genötigt werden, was bis jetzt meiner Meinung nach aber nicht passiert. Bisher beruhigt man sich in Europa und den USA damit, dass er schon nicht weiter macht, als maximal die ganze Ukraine einzunehmen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, worauf sich solche Hoffnungen gründen.
Stattdessen hab ich vor kurzem gelesen, dass aktuell weit im Osten Russlands ein großes Manöver stattfand. Mit 100.000 Soldaten! Wozu übt man einen Kampfeinsatz mit 100.000 Soldaten? Einfach so?

Ich finde, man nimmt im Westen Russland zur Zeit tatsächlich nicht ernst. Die herrschende Angst vor Russland, die Geschäftsgier, die linke Blindheit oder das demokratische Gutmenschentum machen blind.
Wenn wir genau hinschauen, was in den letzten Jahren durch Russland passiert ist und in der Ukraine und weltpolitisch mit Lügen gerade geschieht, dann müssten wir Russland in seiner Bedrohung, in seinem aggressiven Kriegsstreben sehr ernstnehmen. Insofern halte ich die Gefahr eines Krieges -auch für Deutschland- nicht für ausgeschlossen. Putin hat immer schubweise gehandelt, erst Ruhe, dann Losschlagen, dann Beruhigung, dann weiter losschlagen.

imageHitler musste damals von Russland gebremst werden, nach vielen Verlusten, weil man Hitler und dem Nichtangriffsvertrag geglaubt hatte. Putin bricht genauso den Nichtangriffsvertrag mit der Ukraine von 1994 (nachdem die Ukraine ihre Atomwaffen an Russland übergeben hatte!). Wer wird ihn bremsen? Und wieviele Verluste brauchen wir diesmal?

Das ist die schwierige Gemengelage, in der wir uns mit unserem Inneren befinden: eigene alte Ängste, (noch) völlig normaler Alltag und eine reale Kriegsgefahr am Horizont.
Was kann man tun?

Sich über das bewusst werden, was ich selbst aus meinem Inneren an Verzerrung der Realitätswahrnehmung mitbringe.
Miteinander über die schlimmen Realitäten im Austausch bleiben, ohne Beschönigung!, um zu vermeiden, dass der Putinsche Lügensumpf auch bei uns Früchte trägt.
Weiter normal leben. Lebensfreude ist der größte Kriegsverhinderer.
Alles unterstützen, was Putin bremsen kann. Das wird nicht gehen, ohne dass auch wir Deutschen uns einschränken und auch nicht so, dass wir weiter die unschuldigen Gutmenschen spielen können; Verantwortung übernehmen heißt auch, sich die Hände dreckig zu machen.

Ich finde das alles nicht einfach. Aber dort, wo wir zögern, macht Putin weiter.
Ich wünschte, ich würde mich irren.

(Die Bilder dieses Beitrags stammen aus einer öffentlichen Ausstellung auf dem Majdan in Kiew, die belegt, dass die Terroristen nahezu völlig mit russischem Material ausgerüstet sind, vom Panzer bis zur Armeeverpflegung. Weiterhin sieht man, wie ukrainische Dörfer nach Artilleriebeschuss von Russland aus über die Grenze aussahen.)