Ein Papa schiebhebt den Kinderwagen in den Bus. Die junge Mama steigt hinter ihm ein, ihr Töchterchen, erkennbar an dem lustig pinkrosa Anzüglein, auf dem Arm. Das Kindlein von vielleicht 4 Monaten schaut sie ruhig an. Sie dreht es um, so dass es nun dem Anblick des vollen Busses ausgesetzt ist.
Wenig später übergibt sie es Papa. Das rosa Mädchen schaut friedlich in die Gegend. Papa stellt fest, dass der Nuckel rausgefallen ist. Er stopft ihn ihr in den Mund. Die Kleine kann sich leider noch nicht wehren. Wozu braucht ein zufriedenes Baby eigentlich einen Nuckel?
Wenige Minuten später entschließen sich die Eltern, das Mädchen in den Wagen zu legen. Da liegt es und schaut freundlich auf seine Mama. Papa kramt schnell ein knallbuntes Klapperspielzeug aus der Tasche, macht Krach damit und hängt es zwischen die beiden. Als ob nicht das eine schon zu viel wäre, hängt er schnell noch ein zweites hin. Natürlich erst, nachdem er auch damit kräftig gerasselt hat. So muss die Kleine jetzt durch das knallbunte Plastezeug gucken. Pädagogisch wertvoll? Ist es so schlimm, seine eigene Mutter einfach normal anzusehen?
Eine Oma hütet ihren einjährigen Enkel. Neugierig will er alles erforschen. Natürlich auch den Küchenschrank, an den er nicht soll. Aber letzteres sagt Oma ihm nicht, sie nimmt ihn einfach weg von dort. Doch der kleine Mann lässt sich so schnell nicht verscheißern. Er weiß genau, an welchen Schrank er will. Das gleiche Manöver von Oma. Jetzt weint er, klar. Oma stopft ihm eine Schnitte in den Mund. So hat er wieder was gelernt fürs Leben: wenn du frustriert bist, friss was!
Ich hänge meinen Gedanken über das Erlebte nach. Gerade sind wir in den Bus von Lviv nach Barcelona eingestiegen. Er steht noch ein wenig, weil die Fahrer eine kleine Pause brauchen. Ich frage mich:
Wieso werden schon kleine Menschen so zugestopft? Was ist schlecht daran, einfach nur zu sein? Oder bei einer Frustration Trost, menschlichen Trost, zu bekommen? Die Eltern (und Großeltern) von heute erziehen die sich vollstopfende und zudröhnende Generation von morgen.
Da fährt der Bus los. Das erste, was nach dem Motor angeht, ist – der Fernseher. Keine Chance, ihm zu entrinnen. Der Ton ist sowieso im ganzen Bus voll gegenwärtig, und da es draußen dunkel ist, sieht man das Bild im Spiegel, selbst wenn man seitwärts aus dem Fenster blickt.
Nach zwei Stunden gibts eine kleine Störung. Drei Minuten Ruhe. Dann brüllt die erste Oma nach vorn, wo denn das Fernsehen bleibe. Andere, Omas, stimmen ein.
Ich begreife, es sind die Omas, die Ruhe nicht aushalten. Es sind die Eltern, die mit sich nichts anzufangen wissen, wenn sie mal einen Moment (hier: 3, in Worten: DREI, Minuten) nichts zu tun haben. Wenn einfach mal nichts ist – außer sie selbst. Sie halten sich selbst nicht aus. Und deshalb dürfen, um Gottes Willen!, auch unsere Kinder, nicht mal die allerkleinsten, mal mit sich allein sein. Oder einfach mal ruhig in die Welt gucken. Oder sich mal äußern so, wie sie es können, was dann bei Frust oder Trauer nun mal Weinen ist. Nein. Sie müssen vollgestopft, abgefüllt, belärmt, bekracht, beschäftigt, genötigt, gefördert werden. Was auch immer, bloß keine Ruhe! Und keine eigene Regung!
Dabei wäre Müßigang der Freude Anfang. Da könnte ein Staunen entstehen über diese schöne Welt. Da könnte mal eine Motivation von innen hochsteigen. Ein eigenes Interesse entstehen. Oder Erlebtes mal verdaut werden und integriert. Da könnten dann eigene kleine -und später große- Persönlichkeiten heranwachsen. Ist es nicht das, was wir wollen?
Der Fernseher im Bus läuft nun seit vier Stunden. Vierunddreißig weitere muss ich hier noch aushalten. Ich werde um wenigstens eine Stunde Ruhe bitten. Und ich werde von den Omis und Opis, die vier Fünftel der Mitreisenden stellen, verständnislos angeschaut werden. Es wird nicht an meinem Ukrainisch liegen.