Es ist abends halb zehn. Die dicke Frau von gegenüber hat sich in ihre Leggings gezwängt, das rosa Häkelkleidchen ausgezogen und ihr SchlafTShirt übergestreift. Sie redet quasi nicht, hat sich aber ihr Bett bezogen und liegt nun mit offenen Augen da. Der Mann, der noch mit zu unserer Kleinkommune im Massenschlafwagen gehört, hatte sich gleich nach dem Losfahren seiner klassischen Bundhose entledigt und war in Turnhosen geschlüpft. Nun liegt er über der dicken Frau, was soll er auch sonst machen, unten auf der Bank sitzen kann er ja nun nicht mehr. Theoretisch hätte er auch uns fragen können, denn es passen gut drei Leute auf die Sitzbank, aber nein, so weit kriecht man hier nicht in den Intimbereich des andern.
Links auf der unteren Liege an der Längsseite wabbert der Bauch der älteren Dame beim Schaukeln des Zuges lustig mit. Sie war die erste, die mit dem Bettenbau begonnen hatte, dem jungen Mann neben ihr war daraufhin nichts anderes übrig geblieben, als sich über ihr ebenfalls in die Waagerechte zu begeben. Nun dämmert er vor sich hin.
.
Ich muss aufs Klo. Das direkt hinter uns ist, warum auch immer, verschlossen. Also wandere ich durch den ganzen Wagen. Ein junger Mann in Armeeklamotten und mit Kopfverband zeigt einem Alten Fotos im Handy. Von der Front im Osten? Ich bin noch unschlüssig, ob ich ihn fragen soll. Einen Abteilabschnitt weiter schaut man Film, ein Junior den üblichen Kinderkäse, ein junger Mann einen Spielfilm. Im nächsten Abteil liegen zwei nachtleicht bekleidete junge Damen lesend auf ihrem Bett. Weiter vorn spielt man lustig Karten, andere sind unterwegs zum Waschraum.
Ich habe das Klo erreicht, es ist noch benutzbar. Eines jener herrlich alten, wo man noch mit einem Fußhebel eine Klappe unten öffnen kann. Als ich herauskomme, steht eine junge Frau wartend davor. Sie drückt sich im engen Gang so an die Seite, dass wir es schaffen, ohne Berührung aneinander vorbeizukommen.
Schlafwagenfahren in der Ukraine ist herrlich. Ein großes gemeinsames Wohn-Schlafzimmer. Man legt die Korrektheit der Welt draußen ab und gibt sich wie zu Hause. Ein gewisser Typus Frau, mittleren bis hochmittleren Alters, meist etwas kräftiger bis mehr, legt sich stracks hin und tut, als ob sie nicht da wäre und sie das alles nichts anginge. Die jungen Mädchen haben viel zu tun mit ihrer Nachtpflege. Die Männer sind geschäftig, rauchen, laufend, sich bewegend die einen, in ihren elektronischen Spielzeugen versunken die andern. Jede und jeder sucht auf seine Weise, in der großen Nähe die Distanz und den eigenen Raum zu finden. Das gelingt meisterlich.
Kurz nach Abfahrt des Zuges kamen die Schlafwagenschaffnerin und der Schlafwagenschaffner gemeinsam durch, sie gab Kommando und er verteilte an jeden die Bettwäsche samt einem kleinen Handtuch. Danach konnte man sich schwarzen Tee oder Kaffe servieren lassen. Das kostet 5 Hrivni. Geübte Sparfüchse bestellen sich nur heißes Wasser und nehmen ihren eigenen Tee. Denn heißes Wasser (aus dem noch mit Holzkohle beheizten Samowar) ist aus unerfindlichen Gründen kostenlos.
Die Zeit ist vorangeschritten, wir haben es kurz nach zehn. Die dicke Frau von gegenüber scheint ihre Sicherheit gefunden zu haben und beschäftigt sich mit ihrem Handy. Der Mann über ihr ist bei seiner mp3Player-Musik eingenickt. Der Bauch wabert noch und der junge Mann drüber schläft. Ich hocke bei meinem zweiten Bier und diesen Zeilen. Marjana schmiedet eifrig Reisepläne für die morgige Ankunft.
Bald wird hier das Licht ausgehen, ohne Ankündigung, es weiß ja jeder, dass nachts geschlafen wird. Dann werden sich auch die letzten auf ihrem fahrenden Lager einrichten. Und solange nicht ein großer Schnarcher dabei ist, wird man in Ruhe schlafen können. (Im letzten Zug lag direkt unter mir ein solches Exemplar, der bei jedem seiner kurzatmigen Atemzüge wüste Laute von sich gab. Bald war außer mir noch die ganze Umgebung munter, man lachte fröhlich bei jedem besonders originellen Grunzer. Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung, was hier bedeutet, dass es sehr viele harte Erschütterungen gibt. Ich hab dann auch verstanden, warum man Züge und Schienen nicht besser baut: Der Schnarcher schlief auf einmal wieder ruhig!)
Nun sind hier die Männer mit dem Waschgang an der Reihe, hinzu werden die Türen ordentlich geknallt, rückzu kann sich Marjana an stattlichen nackten Männeroberkörpern erfreuen.
Jetzt ist das Licht aus, nur die schwachen Nachtlämpchen glimmen noch. Ich bin noch nicht müde, aber was soll ich sonst machen? Ich baue mein Bett unten und Marjanas darüber. Sogar gegen den kräftigen Luftzug vom Fenster finde ich noch eine Lösung, mit Kissen und Handtuch stopfe ich die entscheidenden Ritzen. Wir können uns nochmal ungestört auf meinem Bett zusammenkuscheln und die Müdigkeit langsam kommen lassen, bevor Marjana dann ihr Bett erklimmt. Gute Nacht.
8 Uhr melden meine noch etwas schläfrigen Augen, nachdem sie sich am Morgen geöffnet haben. Das rosa Häkelkleid hängt noch über der Kleiderstange. Die Alte mit dem Bauch sitzt nun – genauso unbeweglich wie sie vorher gelegen hat, Blick nach draußen. Aber sie hat ein anderes Kleid an.
Unsere kleine Kommune erwacht. Bedürfnisse ebenso. Aber – das Klo ist zu. Das andere auch. Nachfrage ergibt, dass es die nächste knappe Stunde auch geschlossen bleibt. Hä? Es gäbe jetzt viele Tunnel und dann einen längeren Bahnhofsaufenthalt, da dürfe man nicht. Wir wissen schon, das Loch.
Also gut, dann eben Frühstück. Wir haben ja unseren Haushalt bei uns. Ich biete den Augen meiner Mitbewohner nun etwas Abwechslung. Apfel schneiden, dann Birne, ein Pfirsisch, drei Pflaumen, ja, die zweite Birne passt auch noch hinein. Messer abgeleckt. Den anderen Rucksack von ganz oben holen, rumkramen. Haferflocken rein, Tüte wieder zu, wegpacken. Tee rausholen, nach der Thermoskanne wühlen – ach, die war im andern Rucksack. Tee in die Thermoskanne. Dann zieht Marjana los und bekommt das heiße Wasser. Ich rühre das Müsli um. Das ist alles, was hier in unserm Abteil geschieht. Außer noch Handy. Ich begreife den Sinn dieser Geräte neu. Sie erlauben es, in äußerster Dichte nebeneinander zu hocken und doch seinen eigenen persönlichen Raum zu haben. Doch Dauergespräche sind hier auch komisch. Also gucken uns jetzt die andern beiden beim Essen zu. Gespräche sind hier irgendwie nicht in. Doch, jetzt sagt die Frau etwas. Sie wolle jetzt ihr Häkelkleid anziehen, wir müssten mal weggucken. Machen wir kavaliersweise. Lustig ist das trotzdem, denn das sehr grob gehäkelte Oberteil gibt den Blick auf eine geradezu herausquellende Brust frei.
Da kommt die Schaffnerin! Dank unseres gut gelegenen Sitzplatzes sind wir die ersten auf dem wiedereröffnetet Klo. Gleich zu zweit drin, was man hat, das hat man.
Kaum sind wir wieder am Platz, geht ein junger Mann rum und legt drei verschiedene Gläubigenkettchen auf den Tisch. Ein Geschenk? Ein Kaufangebot? Wir können nur vermuten, denn als er wenige Minuten später wiederkommt, sammelt er alles wieder ein.
Das Handy vom Häkelkleid klingelt erneut. Ich zucke immer etwas zusammen, denn der Tisch verstärkt den Ton. Und es ist nun schon die siebente Melodie. Hat jeder ihrer Leute eine eigene?
So nach und nach sind nun alle wieder im Alltag angekommen. Die leichte,
lässige Nachtkleidung ist der ordentlichen Hose und dem Hemd gewichen. Nun wird einfach nur gewartet. Bei den letzten wird das noch fast drei Stunden dauern. Wir müssen schon in Mukatschewo raus, die Karpaten rufen uns.