Nachdem ich mich soeben wieder durch einige deutsche Medien geklickert habe (faz, sueddeutsche, welt), muss ich dazu erneut was schreiben. Es geht um die Art, wie große, „freie“, „demokratische“ Medien durch die Art ihrer Berichterstattung böse Stimmung und falsche Bilder erzeugen. In Bezug auf die Ukraine beschäftige ich mich umfangreich genug mit dem Thema, so dass ich den Verführern auf die Spur komme. Und mir wird klarer, dass es wohl im Falle Israel/Palästina und Irak ebenso ist.
Mich bewegt es in Bezug auf die Ukraine besonders, weil ich hier hautnah mitbekomme, wie verzerrte Bilder der Wirklichkeit täglich Menschenleben kosten. Und da haben die Medien eine Verantwortung, der zumindest die oben zitierten in Bezug auf die Ukraine nicht gerecht werden.
Beispiel, ich lese: Seperatistenführer XY bittet um Waffenruhe aus humanitären Gründen. Die ukrainische Führung lehnt ab. Schon wieder wurden zwei Zivilisten bei Angriffen der ukrainischen Regierungstruppen getötet. (Es stand nicht wörtlich so hintereinander, aber in einem Artikel.) Welches Bild entsteht bei dir, lieber Leser?
Nehmen wir jetzt das Ganze auseinander. Es beginnt beim Separatistenführer. Das Wort gehörte in Anführungsstriche oder ein sogenannt davor. Denn es ist inzwischen erwiesen, dass es sich um eine von Russland gelenkte, finanzierte und üppig mit Waffen ausgestattete Militärtruppe handelt, die die Ukraine destabilisieren soll. Richtig müsste es also heißen: der Führer der russischen Terrorgruppe. Das erzeugt schon mal ein anderes Bild, oder?
Weiter: Woher kommt die plötzlich so dringende und schon wiederholte Forderung nach Waffenruhe ausgerechnet von Seiten der Terroristen, die davon bisher nichts wissen wollten? Nun, das ist ganz einfach. Weil die ukrainische Armee, mühsam und mit großen Verlusten, die Terroristen immer mehr einengt. Die sehen langsam ihr Ende nahen und brauchen dringend eine Pause, um sich zu erholen und neuen Nachschub an Waffen und Kämpfern aus Russland zu holen. Denn immer noch (!) ist die Grenze nicht dicht. Gerade eben wird heftig um einen Ort auf der Straße zwischen Luhansk und Donezk gekämpft. Wenn die ukrainische Armee den einnimmt, dann sind die russischen Terrorgruppen in Donezk von jeglichem Nachschub abgeschnitten. Darum brauchen sie jetzt eine Pause.
„aus humanitären Gründen“ – es ist schlicht ein Verbrechen, das so unkommentiert zu schreiben. Wie humanitär sind unsere Terroristen? Sie haben zum Beispiel so gut wie alle Krankenhäuser in Donezk besetzt und sich dort verschanzt. Sie benutzen ua Krankenwagen, um ihre Kämpfer von einem Ort zum andern zu transportieren. Sie gehen gezielt in dicht besiedelte Wohngegenden und bauen dort ihre Stellungen auf. Die Liste ließe sich noch fortsetzen.
Man hat zB in Schulen in Slaviansk, nachdem die Terroristen von dort vor den Regierungstruppen geflohen waren, Sprengsätze gefunden, die dafür gedacht waren, am Schulbeginn im September gezündet zu werden. (Slaviansk ist übrigens der Ort, an dem der Krieg mit Waffen von Russland gegen die Ukraine begann, als nämlich unter Führung des Russen Igor Girkin, ja genau der, der sich jetzt zum Oberkommandierenden gemacht hat, handstreichartig die örtliche Verwaltung besetzt wurde.) soviel mal zu den „humanitären“ Motiven Russlands in diesem Krieg.
Da muss man dann schon fast Achtung haben vor der ukrainischen Armeeführung, dass sie es unter diesen Umstämden schafft, dass nur so wenige Zivilisten umkommen. Wir sehen im Fernsehen hier immer wieder, dass sich Soldaten beschweren, weil sie oft, genau aus humanitären Gründen, nicht schießen durften, obwohl sie angegriffen wurden.
Warum erscheinen solche Informationen nicht, oder nur sehr klein mal am Rande, in deutschen Medien? Warum werden reihenweise Terroristen und russische Regierungsvertreter zitiert, aber kaum ukrainische? Wieso bleiben diese Zitate üblicherweise unkommentiert, obwohl klar ist, dass sie schwindeln? Wieso werden Informationen von ukrainischer Seite nicht selten mit dem Zusatz versehen, dass man darüber keine objektiveren Informationen habe, während bei russischen oder Terroristenmeldung dieser Zusatz üblicherweise nicht erscheint? Wieso wird bei den russischen Sanktionen gegenüber polnischen und ukrainischen Lebensmitteln, die unter dem Vorwand hygienischer Vorschriften liefen, das nicht so eindeutig geschrieben? Wieso wird nicht in genauso bedauerndem Tonfall wie bei Zivilisten davon geschrieben, wieviele ukrainische Jungs in den Reihen der Armee wieder ihr Leben lassen mussten im Kampf gegen die russischen Aggressoren? Wieso wird nicht erwähnt, wie oft die ukrainische Armeeführung die Bewohner der betroffenen Städte bittet, die Region zu verlassen, und humanitäre Korridore dafür schafft, eben weil die Terroristen sich hinter den Zivilisten verschanzen? Wieso kommen nicht mehr Beiträge darüber, wie die Leute aufatmen, wenn die Ukrainer sie von den Terroristen befreit haben – zB in Slaviansk, um hier mal den bekanntesten Ort zu nehmen?
Das würde dann auch mal mehr Hintergrund dafür liefern, warum die UNO jetzt so eindeutig auf Seiten der Ukraine stand und Russlands „humanitäre Mission“ als kriegerischen Akt verurteilte.
Leser, sei wachsam!
Was Propaganda und verzerrte Bilder anrichten, dazu ein hier vor kurzem erfahrenes Beispiel: Ein junger Mann lebte auf der Krim und ging dann zum Studium in eine mittelukrainische Stadt, nennen wir sie NN. Seine Familie war in den 50-iger Jahren auf die Krim gekommen. Die UdSSR hatte den Großteil der Krimtataren vertrieben und siedelte dann gezielt Russen auf der Krim an. So auch die Familie des jungen Mannes, die sich über diesen Umzug freute und der Sowjetführung dankbar war. Den Zerfall des Sowjetreiches und Übergang in die Ukraine quittierte man mit Bedauern, die jetzige Annektion der Krim durch Russland wurde bejaht wie eine Heimkehr. Nur unser junger Mann war inzwischen in NN heimisch geworden, hatte dort eine Familie gegründet und fühlte sich wohl. Kaum war die Krim „russisch“, wollte seine Mutter, dass auch er einen russischen Pass beantragte, er lehnte ab. Sie war völlig verständnislos.
Es kam zu mehreren Telefonaten. Sie, hochgeputscht vom russischen Fernsehen, wollte, dass er auf die Krim komme, erzählte von den „Greueltaten“, welche die ukrainischen „Faschisten“ mit den Leuten, insbesondere „Russen“ machen würden. Er: Mama, hier ist alles normal und friedlich. Sie glaubte ihm nicht. Er: Aber Mama, ich lebe doch hier! Ich merke doch, was hier passiert!
Es kam zu harten Wortgefechten, die Mutter traute dem eigenen Sohn nicht. Bis heute. Er meinte: Wir reden am Telefon nur noch übers Wetter und Belangloses.
Etliche andere aus der Gruppe, in der wir uns befanden, erzählten darauf ähnliches, wie die russische Hetze ihre russischen Verwandten und Freunde so verblendet hat, das kein Austausch mehr möglich ist.
Deshalb: Seid wachsam!