Wir hatten sie schon abgewählt. Uns war zu Ohren gekommen, dass man sie kollektiv besteigen müsse, einfach des Andranges wegen. Sie ist eben die Größte – und entsprechend begehrt.
Dann waren wir in Рахів, Rachiw, gelandet. In einem frisch eröffneten Hotel im dritten Stock eines Handelszentrums, Євро Стандард. Wir erfuhren, dass wir uns damit in der Mitte Europas befinden,
welchselbige Tatsache wir damit würdigen mussten, dass wir mittels маршрутка die 20 km dorthin direkt auf den europäischen Zentralpunkt bewältigten.
In der Tat, auf einem unscheinbaren Steinchen neben der künstlerisch misslungenen Mittenmarkierung und mehreren obligatorischen Andenkenbuden wurden wir informiert, dass zwei Vermesser des österreichisch-ungarischen Reiches im Jahre 1887 den geografischen Mittelpunkt Europas genau hier lokalisiert hatten. Was wir deutschzentriert schon als tiefen Osten wahrnehmen, Polen, Tschechien, die Slowakei zB ist also eigentlich noch Westeuropa! Und ein Land wie Georgien (übrigens vor sechs Jahren von Putin genauso erfolgreich heim ins russische Reich geholt wie jetzt die Krim) ist noch Europa! Wie unser Blick weiter wird.
In jenem Рахів also offenbarte uns ein Blick auf die Karpatenkarte, dass wir mit erfolgreicher Überquerung des Hauptkammes dieses Gebirges, der „Schwarzen Berge“, uns erhebliche Fahrtkosten würden sparen können.
Gesagt, getan, Montag früh ging’s los. Der Fahrplan verhieß eine Stunde und zwanzig Minuten mit der маршрутка für 24 km bis an den Gebirgsfuß. Die brauchten wir dann tatsächlich. Aber nun, Rucksack auf und los!
Nach einer Stunde kamen wir an den mit einem Schlagbaum gesicherten Zugang zum Nationalpark. Ich studierte die dort aushängende Karte. Ein Fehler. Denn die kurze Zeit gab einem jungen Mann Gelegenheit, auf uns aufmerksam zu werden und uns für den Eintritt gleich mal noch 15 Hrivni abzuknöpfen. Das tat uns zwar nicht wirklich weh, aber ärgerlich war’s trotzdem.
Nun ging es durch Buchen- und Tannenwälder steil bergauf. Die Langeweile wurde mittendrin durch einige Exemplare der Gattung Steinpilz etwas gelindert. Eine wilde polnische Jeepsafari versaute uns, vom Berg entgegenkommend, den schon völlig zerfahrenen und ausgewaschenen Weg noch mehr. An solchen Stellen fängt man an, Zivilisation zu hassen.
Endlich, nach drei Stunden, trat der Wald zurück. Freude machte sich breit, denn nun dürfte es nicht mehr weit sein. War es aber. Mein rechtes Knie signalisierte zunehmend schmerzhaft Überlastung. Nach weiteren zwei Stunden, ertappte ich mich dabei, wie ich sehnsüchtig nach möglichen Zeltstellen Ausschau hielt. Gerade als ich eine geeignete gefunden hatte, gab der Berg uns den Blick auf den für heute ersehnten See Несамовите, Nesamovyte frei. Ein bekannter See, ganze 100 m im Durchmesser, am Rande 50 Zelte, eine Quelle. Wir fanden ein schönes Plätzchen, fielen ferdsch ins Zelt.
Und erwachten früh im Nebel. Die meisten gaben sich tapfer und brachen wieder zum Kamm auf, wo man 200 m höher den Туркул, Türken, wusste, über welchen man schließlich 7 km weiter zur Horwerla gelangen konnte. Uns schien dieses Unternehmen nicht sehr lohnend und so zogen wir eine leicht absteigende Querung vor. Und siehe da, wie erwartet waren wir 100 m weiter unten raus aus den Wolken und hatten eine schöne Tour, die noch dadurch aufgewertet wurde, dass uns nach nicht mal einer halben Stunde Andrij einholte, der in einem langsamen und wunderbar gepflegten Ukrainisch uns Interessantes aus der Geschichte der Ukraine und zur ukrainischen Sprache zu erzählen wusste. Er machte uns an vielen Sprachbeispielen deutlich, wie sehr die Russifizierung des Ukrainischen schon vorangeschritten ist. Da ich mich bekanntermaßen für Sprache sehr interessiere, waren die folgenden zweieinhalb Stunden so kurzweilig, dass wir erst dann die drückenden Rucksäcke bemerkten und unter dem Dach einer kleinen Aussichtsplattform eine kurze Rast einlegten. Da begann der Regen.
Wir konnten unsere Bekanntschaft mit gemeinsamem Essen vertiefen und gingen bei den letzten Tropfen weiter. Die Tourbasa eine knappe halbe Stunde weiter entpuppte sich als ehemaliges Trainingszentrum für Skispringer und war auch jetzt randvoll mit спортсмен, davor wieder das Chaos der Andenkenbuden und was zu Essen gab es auch, wenn auch außer Keksen nichts ordentliches. Dafür setzte jetzt ein strammer Regen ein und wir konnten, unter dem Dach einer geschlossenen Bude gut geschützt, die langen Reihen nasser Gestalten, für heute an der Howerla gescheitert, beobachten. Als es schließlich ein schöner Abend zu werden schien, fanden wir 100 m weiter ein feines Plätzchen zum Zelten.
Der Mittwoch musste unser Howerlatag werden! Und er wurde es. Wir wählten den steileren Weg zum Aufstieg, was sich als gute Wahl entpuppte, denn dort waren wir fast allein. Mit kleinem Tagesrucksack und guter Ruhe ging es stetig hoch. Wir näherten uns einem jungen Pärchen. Als sie unser gewahr wurden, forcierten sie ihren Schritt. Wie erwartet, hielt dieser Schwung nicht lange an, dann brauchten sie eine Pause. Kurz bevor wir sie erneut erreichten, rannten sie wieder los. Da wir ahnten, was passieren würde, behielten wir unseren gleichförmig-ruhigen Schritt bei – und zogen wenig später vorüber. Das gleiche erlebten wir noch einige Male, es machte diebisch Freude!
Und dann waren wir da, 2061 m hoch, die kurz vorher verschwundene Sonne kam wieder und wir genossen herrliche Blicke.
Ein Typ, der sein Süppchen zu kochen schien, entpuppte sich als mobile Bar. Er zeltete 300 m weiter unten bei einer Quelle und kam jeden Tag mit frisch gefüllten Wasserflaschen, seinem Kocher sowie Tee und Kaffee hoch, um auch ein wenig am Geschäft der Welt Anteil zu haben. Wir freuten uns an ihm und seinem Kaffee.
Abwärts wählten wir den weniger steilen Pfad, wieder fast als Einzige. Und so konnten wir weiter unten im Wald noch eine erkleckliche Ernte von Steinpilzen einbringen, die uns zusammen mit Buchweizen ein prima Abendbrot bescherten.
Am nächsten Tag stiegen wir weiter ab. Und wir konnten die Heerscharen von Freizeitspaziergängern bewundern, die mit Schlapperlatschen und T-Shirtchen, dafür ohne Wasser und Essen auf die Howerla wollten, uns nach dem Weg fragten, obwohl es nur einen gab, und wohl der Meinung waren, sie seien gleich da. Je später der Tag wurde und je weiter wir unten waren, umso genüsslicher malten wir ihnen die Strapazen aus, die noch auf sie warten würden.
Wir passierten den Kontrollpunkt und freuten uns, als wir sahen, dass auf dieser Seite des Gebirges sogar 20 Hrivni verlangt wurden; wir hatten mal wieder alles richtig gemacht.