Mückenalarm

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Dass sie kommen würden, war uns gestern Abend schon bewusst. Was wir allerdings beim Aufwachen sahen, ließ schlimmeres befürchten. Die Realität an diesem Tag sollte auch das noch übertreffen.
Also zurück zum Morgen, erster Blick aus müden Augen:

Geschätzt schon mal 40 dieser kleinen Biester im Vorzelt, gut sichtbar durch die Gazetür. Doch noch überwog die Freude, ein solch tolles mückendichtes Zelt zu haben. Und noch war Zeit um in Ruhe aufzuwachen.
Allmählich wurde es wärmer. Damit bohrte sich langsam aber sicher die Frage der Morgentechnologie ins Bewusstsein – drin frühstücken und schwitzen oder draußen dick angezogen und auch schwitzen. Wir entschieden uns für die zweite Variante. Ich war dran mit Zelt abwischen (es hatte nachts geregnet, kein Wind, so dass auch die Innenseite feucht war, und keine Sonne heute). Der Anblick war nicht feierlich: zwischen Innen- und Außenzelt hatte sich so eine Art Mückenferienlager eingenistet.
Das Essen nahmen wir im Stehen, besser gesagt im Herumlaufen. Nicht, dass uns das vor Stichen bewahrt hätte, es waren nur nicht ganz so viele. Das Schmieren eines Marmeladenbrotes war mit der Frage verbunden, ob der geschmackliche Nutzen den juckenden Aufwand wert war. Es dürfte das schnellste Frühstück gewesen sein, dass wir bis dahin eingenommen haben.
Überhaupt waren wir dann ziemlich schnell. Nur ins Laufen kommen, einfach mal laufen…
Das Fleece war sowieso Pflicht, mein spärliches Haupthaar musste mit dem mir von Halja geschenkten Basecap bedeckt werden. Es reichte nicht. Da gibt es doch diese kleine knöcherne Stelle hinter den Ohren… meine fühlten sich inzwischen huckelig an.
imageEine kleine Aussichtsplattform erlaubte uns etwas Blick über den Pulemetskisee und die flache Landschaft hier. Wichtiger war, dass es dort oben keine Mücken gab. Wir machten etwas Pause und begannen uns wohlzufühlen. Ein kleiner zarter Regen gab seines dazu. Wir atmeten durch.
Dann wurde der Regen stärker, also Regenjacken an und -Marjana hatte ihn erspäht- ab unter einen einzelnen Baum, der etwas vorübergehenden Schutz versprach. Vor Regen. Wer sich dort auch schützte waren unsere anderen lieben kleinen Hassmonster… Sobald es der Regen erlaubte zogen wir weiter.
Kurz danach bog der Weg vom See ab und lief durch einen kleinen Wald. Wir liefen auch. Wie die Uhrwerke. Stehenbleiben war nich. Es war ja schon nur noch das Gesicht und die halben Hände frei. Aber diese Mistviecher schafften es immer noch. Da haste beim Kopfwackeln (im Laufen) dummerweise mal kurz die Hände still gehalten, das wars. Setzen, stechen.
Nach einer knappen Stunde kamen wir an den Ortseingang von Ostrivja.
Eine große Wiese. Man könnte mal stehen bleiben, herrlich.
imageOstrivja entpuppte sich als Dorfdorf. Eine Sandstraße längs durch, links und rechts bunte Bauernhäuser, wenige, scheu schauende Bewohner, ein gerade geschlossenes mahazyn. Das zweite sah noch mehr zu aus. Kurz vorm Ortsende sprach Marjana eine ältere Frau an wegen Wassers. Wir mussten unsere Vorräte auffüllen. Aus der Frage wurde ein kleines Gespräch. Aus dem Gespräch eine Einladung zum Tee. Aus dem Tee schließlich eine ganze Essenstafel. Wir langten zu und dankten erfreut. „Aber ihr esst ja gar nichts!“
So eine Gastfreundschaft! Wir dankten sie mit Gespräch und Geschichten. Gegen 16 Uhr wollten wir weiter, zurück zum mahazyn, dessen Mittagspause nun laut Aushang beendet sein sollte. „So sicher ist das nicht. Was braucht ihr denn?“ „Brot.“ Sie hatte eines da. Und sie gab es uns, fast muss man sagen natürlich, einfach so mit. Der Hausherr steckte mir dann auf dem Hof noch eine Flasche Bier zu.
Solche Begegnungen bauen die Seele auf. Sie sind ein Geschenk, das das Herz berührt. Beim Herausgehen aus den Dorf bewegte uns die Frage, warum solche Sachen ausgerechnet immer dort passieren, wo die Leute ärmer sind.
Und, da war doch noch was. Kurz hinter dem Dorf brachten sie sich uns wieder in Erinnerung. Sie kamen erneut in surrend-schwärmend-stechenden Scharen. Der kurze Moment einer Pullerpause hätte mir fast einen Stich auf mein gutes Stück eingebracht, als ich mich kurz zweier Exemplare in meinem Gesicht erwehren musste. Ich sah mich genötigt, außer Fleece und Basecap auch noch Ohren und Hals mit meinem weißen Tuch zu bedecken. Solcherart aussehend wie Vogelscheuche und schwitzend wie ein Schwein, weil es nun gerade mal strahlend sonnig war, brachten wir die nächste Stunde hinter uns.
Dann hatten wir’s satt. Am nächsten passenden Ort, ein schöner, bauten wir unser Zelt auf. Schnell alles rein, zu den Laden, alle kleinen Plagegeister, die doch noch reingeschlüpft waren, ins Jenseits befördert – und dann erstmal wieder durchatmen. Lange.
imageAbends frischte der Wind auf, wir bekamen herrliche Wolkenspiele – und schließlich noch ein Gewitter, dank dessen ich dazukam, diesen Bericht zu schreiben.