Klartext Ukraine 3

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Gestern waren wir auf dem Личаківський, Lytschakiwski-Friedhof in Lviv. Ein großer, alter, kulturhistorisch interessanter Friedhof. Da finden sich polnische und deutsche neben jüdischen und ukrainischen Grabsteinen und legen Zeugnis ab von der europäischen Prägung und Bedeutung von Lviv. Wir gingen einfach so durch und ließen uns treiben.

imageTrafen das Grab eines jungen Mannes – Володимир Івасюк, Wolodymyr Iwasjuk. Er war einer der bekanntesten Sänger der Ukraine, sein Lied von der „Roten Rute“, „Червона Рута“ wird noch heute von vielen gesungen und kennt jeder Ukrainer. Am 18. Mai 1979 wurde er im Wald aufgefunden. Erhängt. Von den Sowjets. Sein Verbrechen? Er sang zu erfolgreich ukrainisch. Er war ganze 30 Jahre alt.

 

imageWeiter hinten treffen wir auf Soldatengräber. 10 sind neu ausgehoben und mit vielen frischen Kränzen bedeckt. Bilder von jungen Männern sind auf ihnen befestigt, alle etwa Mitte zwanzig. Es sind jene 10 Lviver Jungs, die bisher im Osten gefallen sind. Im Krieg, der der Ukraine aufgezwungen wurde. Von Russland.
imageBei meiner abendlichen Internetzeitungsschau begegnet mir ein Foto vom Vortag. Poroshenko und Putin in Minsk. Es sagt alles. Wer kann hier wen klar anschauen? Und wer nicht? Man könnte mitleidig lachen über den Gartenzwerg an der linken Seite. Wenn der nicht so eine Macht hätte.

Während ihm die Lügenworte vom Frieden aus dem Munde sprudeln, ist gerade seine Fallschirmspringereinheit auf ukrainischem Territorium festgenommen worden. Er hat mal ein paar Jungs als Kanonenfutter hingeschickt (wie der eine von ihnen treffend sagte). Es kommt ihm auf Menschenleben nicht an, nicht mal auf die vom eigenen Volk.
Nur Herr Steinmeier ist noch so blind, von dem Minsker Treffen der beiden Herren irgendeinen Fortschritt zu erwarten. (Wie blöd muss man eigentlich sein, um deutscher Außenminister zu werden?) den andern schwant irgendwie schon, dass es schlimmer kommen könnte.

Abends zu Gast in einer Familie. Einer hat Verbindungen zu Luhansker Leuten. Wir erfahren: Die letzten Reste von Leuten, die sich noch irgendwie „Separatist“ hätten nennen können, sind lange geflohen. Wer da in Luhansk noch kämpft, sind nur Russen. Gut ausgebildete!
Das dürfte in Donezk nicht anders sein.
Wir erfahren noch mehr. „Hilfskonvoi“ aus Russland. Die Lastwagen waren ja (Das haben sogar die deutschen Medien mitbekommen. Und gebracht!) teils nur zu nicht mal einem Fünftel gefüllt. Man fragte sich, was das sollte. Die Lösung ist sehr einfach, man brauchte Transportkapazität für den Rückweg! Da waren ganze Fabrikeinrichtungen von den Russen demontiert wurden, die man nun flugs nach Russland bringen konnte. Hat ja keiner kontrolliert. Hinzu übrigens auch nur teilweise. Die meisten Wagen sind ohne Kontrolle losgefahren, und natürlich waren Waffen drauf. Aber den Leuten vor Ort glaubt man natürlich in Deutschland nicht, da müsste schon ein deutscher Wissenschaftler, besser noch ein ganzes Team, danebenstehen. Dummerweise fordern die russischen Terroristen keine an.

Man tut sich ja schon schwer damit, die NATO zitieren zu müssen. Und auch die tut sich schwer mit Hingucken. Ich lese heute: Deutlich mehr als 1000 russische Soldaten in der Ukraine.
Ich hatte in meinem ersten Artikel zur Ukraine schon geschrieben, dass ja in den eingetroffenen Panzern auch Leute gesessen haben müssen. Dazu ein paar Zahlen der letzten Zeit addiert, da war ich dann bei mindestens 10.000 Russen gelandet. Was lese ich soeben in taz.de? (Eine Zeitung, die sich nicht gerade leicht tut damit, den lieben roten Freunden in der ehemaligen Sowjetunion was böses nachzusagen.): Das Komitee der (russischen!) Soldatenmütter schätzt die Zahl der zur Zeit in der Ukraine kämpfenden russischen Soldaten auf 10.000 – 14.000!
Nein, es ist kein Triumphgefühl, was ich empfinde. Eher frage ich mich, warum sich andere so blind stellen.
(Als Ergänzung gleich noch die Zahlen von der Krim im März: Da waren 25.000 russische Kämpfer zusätzlich eingeflogen wurden, die dann vor dem sogenannten Referendum noch durch andere Kampfeinheiten aufgestockt wurden. Mal soviel zu dem Märchen von der freien Abstimmung, dass ich erst neulich wieder von einem Deutschen hören musste.)
Was muss denn Putin noch anstellen, dass Westeuropa und die USA ihn als Kriegstreiber ernstnehmen? Hat Hitler nicht gereicht? Muss Putin erst noch in Polen einmarschieren?
Der einzige, der in der letzten Zeit mutig agiert hat, war Poroshenko. Ihm ist es zu verdanken, dass nun Putin seine Masken sehr fallen lassen muss. Es kostet die Ukraine viel.

imageHeute waren wir in Lviv vor der Oper. Unter freiem Himmel und unentgeltlich wurde vom ganzen Ensemble des Opernhauses die Eröffnung der 115. Theatersaison zelebriert, mit großem Orchester, vollem Chor und dem ganzen Ballett. Kultur im Angesicht des Krieges. Der ukrainische Kultusminister hielt eine Ansprache. Leidenschaftlich. Bei seinen Worten blieben noch mehr Passanten stehen, als vorher bei der Musik. Die ukrainische Nationalhymne sangen alle mit. Nicht fanatisch, nicht aufgeputscht, sondern ergriffen, von innen her. Ich habe genug Erfahrung mit Stimmungen von Menschen, um das beurteilen zu können. Den längsten Applaus bekamen übrigens Soldaten, die gerade von der Front wieder nach Hause zurückgekehrt waren. Den Abschluss der ganze Veranstaltung bildete Die Ode an die Freude aus Beethovens 9. Sinfonie.
Die Ukraine ist Europa, die Menschen hier wollen endlich die Werte von Recht und Demokratie.
Das ist es, was Putin so fürchtet.
Das ist es, weshalb Europa hier viel mehr aktiv werden muss. Auch wenn es uns ein klein wenig Wohlstand kosten sollte.