Wir stehen am Straßenrand. Haben einen Platz auf dem Geländer ergattert. Mit uns stehen Zehntausende auf vielleicht vier Kilometer Straßenlänge von einer Flussseite zur andern. Es ist Sonnabend Abend gegen halb neun. Aber klar, ein solch riesiger Begräbniszug braucht seine Zeit. Also sagen wir halb zehn.
Ja, sie kommen! Polizei. Weiße Autos. Noch mehr weiße Autos. Und noch mehr. Ach so, das sind erst die heute überall so notwendigen wie oft immer penetranter auftretenden Sponsoren. So vergehen schon mal zwanzig Minuten. Dann aber wirklich: ein russisch anmutendes Blasorchester, herrlich spielend, leider im allgemeinen Lärm kaum zu hören. Tänzerinnen, teils in wunderbarsten Fantasiekostümen. Trommelgruppen, Tänzerinnen. Ne Nachwuchs DJane mit Begleitband. Die calle dröhnt. Und so geht dieser bunte Zug weiter. Alle, alle, alle sind sie gekommen, um der Sardine (für dieses Jahr) Lebewohl zu sagen. Die Schlümpfe, Spongebob, die Findet-Nemo-Fische, fliegend leuchtende chinesische Fische, ein Riesenwal, der Kinderzirkus, alle Sorten von Fantasiewesen. Und immer wieder Trommler und Tänzerinnen, beschallt aus an Autos gehängten Riesenboxen mit eigenem Generator.
Schließlich potenziert sich, was wir schon am Dienstag beim bando sahen: die Verteilwagen kommen. Busgroße Hänger, an Traktoren gehängt, oben drauf auf jeder Seite drei Männer, die ununterbrochen, wahrlich ununterbrochen, mit vollen Händen Spittel hinunter auf die Massen werfen. Jetzt verstehen wir auch, warum ziemlich am Anfang ein Auto unterwegs war, was Einkaufstüten verteilte, natürlich die von der größten Sorte. Die werden jetzt gezückt und gefüllt, was das Zeug hält. Selbst Marjana fällt das dichtregnende Spielzeug auf den Kopf. Von der Sorte kommen etwa 40 Wagen!
Wir gehen nach zweieinhalb Stunden vorzeitig. Auf dem Heimweg sehen wir, wie die Familien ihre Beute heimtragen. Vier Leute, drei Tüten. Und es wartet schon wieder die gesammelte Müllabfuhr auf ihren Einsatz. Wir sind uns einig: Gestern war es viel schöner.
In Murcia wird die Sardine drei Tage lang zu Grabe getragen. An anderen Orten Spaniens gäbe es diesen Brauch auch, aber wohl nirgends so, natürlich nicht!, wie in Murcia. Wieso gehts bei einer Stadt mitten im Land um Sardinen? Kleine Kunde für Nichteingeweihte. Sieben Wochen vor Ostern beginnt mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit. Das hieß traditionell auch: Kein Fleisch! Unser Fasching verabschiedet das lautstark. Dann gibts nur noch Vegetarisch und – Fisch, Sardinen zum Beispiel. In der letzten Woche vor Ostern erreicht die Fastenzeit, in der der Leiden Jesu gedacht wird, ihren Höhepunkt. Das wird hier, besonders in Südspanien, ausgiebig zelebriert. In Almería gibt es an jedem Tag dieser Woche mehrere
Prozessionen. Dabei wird ein Bild der Virgen Maria von… oder der kreuztragende Jesus umgeben von teils fast hundert riesigen Kerzen durch die Stadt getragen. Vorneweg Fackelträger mit hohen spitzen Kapuzen, die nur Augenlöcher haben. Dahinter manchmal schwarzgekleidete Frauen mit schwarzen aufrecht stehenden Spitzenschleiern. Dann das Bild, so schwer, dass es von vierzig, fünfzig Leuten getragen werden muss, die von einem Dirigenten angeführt
werden. Und schließlich ein Blasorchester mit speziellen kleinen Trompeten, die besonders jammernd klingen. Manchmal kommen danach noch Büßer, die sich selbst kasteien (ja, das gibts tatsächlich heute noch!). Und schließlich die ganze hermandad, die Brudersdhaft (samt Schwestern), die das ganze gerade ausrichtet. Dieses ganze Unternehmen bewegt sich dann mit ungefähr 0,3 km/h durch die Stadt. La voz de Almería berichtet dann von jedem Tag 20 bis 30 Seiten ausführlichst. Kommentiert wird jede neue Augenbraue auf dem Heiligenbild genauso wie jede neue Schrittfolge der Träger. In kleineren Städten ist alles etwas kleiner, dauert aber je genau so lange.
Dann kommt endlich Ostern. Der Sonntag gehört der Auferstehung von Jesus.
Aber dann! Jetzt dürfen wir wieder fleischen, weg mit der Sardine, die Narren sind los! Murcia zelebriert das ausgiebig drei Tage lang. Uns hat der zweite am besten gefallen. Da wurde das Testament der Sardine verlesen (haben wir leider verpasst) und dann kam der Umzug. Eine
herrliche Persiflage auf die Passionsprozessionen: vorneweg die Fackelträger mit den spitzen Hüten in gestreiften Häftlingsuniformen. Dann die Blaskapelle, hier Hauptsache laut, manchmal nur Trommler. Die Frauen, hier in üppig bunt um halbnackte Körper. Und schließlich der Prozessionswagen gefüllt mit Bier und handgezogen. Das ging ununterbrochen zwei Stunden lang, Gruppe an Gruppe. Dir dröhnen die Ohren, aber es ist einfach nur geil. Pure Lebenslust. Ostern eben.