Gitarre und Radio – Murcia II

Veröffentlicht in: alles, Reisen | 0

Heute muss es sein! Entschlossen verlassen wir das Hotel. Gehen zielgerichtet ins Zentrum. Schon gestern, beim bando, war uns der Ort ins Auge gefallen. Eine schmale calle, mit vielen Geschäften, Fußgängerzone. Eine kleine Ausweitung, Hohe Häuser. Schatten.

Wir finden den Ort sofort wieder. Schauen uns nochmal um. Mäßiger Fußgängerverkehr. Ja, das könnte passen.
Ich packe die Gitarre aus. Stimme sie. Werde lockerer dabei. Gleite langsam vom Stimmen ins Spielen über. Dann der Moment, wo Marjana den Hut hinstellt. Komisch, dass das so schwer sein kann. Aber egal, jetzt gehen wir nicht mehr zurück. Wir beginnen zu singen. Heute hier, morgen dort. Das ist sicher, das klappt. Die Leute, alles Spanier, gehen in Ruhe vorbei, ab und an ein kurzer Blick. 
Nächstes Lied, Chanson de Prévert. Das lieben wir beide. Unsre Stimmen sind in dieser Umgebung gut zu hören. Wie lange haben wir gebraucht uns innerlich vorzubereiten. Wir haben keine lauten Instrumente. Wir haben keine geile Performance. Mein Gitarrenspiel ist solide, mehr aber nicht. Wieso stellen wir uns da hin? Was macht uns aus? Unsere Antwort: weil wir gern singen. Weil wir gern mit Leuten in Kontakt sind. Weil uns je nach Situation schon was einfallen wird.
Ein Mann zeigt uns den Daumen, zuckt dann bedauernd mit den Schultern und krempelt die Hosentaschen um. Wie man sich über eine solche Geste freuen kann!
Wir werden lockerer, es macht sogar Freude und ein wenig klimpert es dann auch in unserm Hut. Nach einer knappen halben Stunde beschließen wir, dass es erstmal reicht, die Siesta ist da und fast schlagartig erstirbt das Leben in der calle. 2 Euro und 65 Cent sind die Ausbeute unseres ersten Auftritts. Das reicht für zwei Café con leche, die wir uns sogleich gönnen.
Herrlich. In der Sonne sitzen und Kaffee schlürfen. Noch größer ist der Genuss sich getraut zu haben. Ich habe Lust, noch ein paar Lieder für uns zu singen. Packe in der Bar die Gitarre aus. Leise singen wir. Die Kellnerin schaut freundlich, die junge Frau am Nachbartisch auch. Und von den dreien am andern Nachbartisch kommen unverhohlen neugierige Blicke. Dann werden wir angesprochen. Was das für eine Gitarre sei? Eine Backpacker. Ah, interessant, darf ich mal? Natürlich darf er.
Es sind Radioleute, die hier ihre Siesta verbringen. Das bringt uns ein angeregtes und anregendes Gespräch ein. Und wissen sie, wo man hier gut wild Zelten kann? imageSie wissen es, dort, wohin man fährt, um sich zu lieben. Gleich daneben das Heiligtum der Jungfrau des dingsbums (die Jungfrau, DIE Jungfrau tritt hier als so multiple Persönlichkeit auf, dass ich mir nicht behalten kann, mit welcher ich es gerade je zu tun habe). Ein solcher Ort kann uns nicht schaden, und wir werden ihn lieben lernen.
Die dritte Folge des Gesprächs (dort waren wir ja noch) ist eine Besichtigung bei Radio Murcia am nächsten Tag. Unerwarteterweise empfängt uns Manuel pünktlich. Lola wolle noch ein Interview mit uns machen. Es bleibt keine Zeit zum Neinsagen, schon sind wir auf der Straße, um die Ecke, weiter, nächster Platz. Radio Murcia en la calle. imageLive. Lola winkt uns zu, während sie einen jungen Mann interviewt. Dann wird Werbung eingeblendet, wir werden platziert, Kopfhörer auf, kurze Eingangsmoderation. Ich habe geradeso mitbekommen, dass ich jetzt dran bin. Ähm…ähm… Aber dann kommen die Worte. Ich bin froh. Währenddessen wird Marjana zur Ukraine befragt. Sie macht das gut. Meine Atmung beginnt gerade ruhiger zu werden, da höre ich canción. Schon wird mir die Gitarre gereicht. Ukrainisch soll das ganze auch noch sein. Davon haben wir nur eines im Repertoire, leider zweistimmig. Da müssen wir jetzt durch! Mit viel Schwitzen gelingt auch das. Lolas Abschiedsworte. Werbung. Die Nächsten.
Wir schauen und hören noch ein wenig zu. Dann gehen wir langsam in unsre Lieblingsbar. Diese Siesta haben wir uns verdient. Es wird mit cañas Bier und dem obligatorischen con leche eine schöne Gitarrensession mit imageManuel. Abends wandern wir froh wieder unsre sechs Kilometer stadtauswärts zu unserem Zeltplatz auf dem Berg.