Am schnellsten gehts…

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… im Gehen. Das kann ich hier behaupten. Weil ich es weiß. Weil ich es erlebe.
Seit fast drei Monaten gehen wir. Jeden Tag. Mindestens drei Stunden. Manchmal auch sechs.

Mit Gehen meine ich hier nicht das gelangweilte Dahinschlendern. Auch nicht die sportlich-flotte Variante des Walkens. Erst recht nicht das Trimm-Dich des Joggens, womöglich noch mit Puls- und Atemkontrolle. Und auch nicht das gehetzte Eilen zu einem Ziel. Nein.image
Mir geht es hier um das ruhige stetige Fortbewegen auf zwei Beinen, um dieses gleichförmige Unterwegssein im Komfortbereich, das sich selbst genug ist. Wo unsere Beine nicht nur Mittel für irgendeinen Zweck sind. Sondern sie genau das machen dürfen, wofür sie geschaffen sind und was ihnen selbst so gut tut: gehen.

Dieses Wohlgefühl der Beine breitet sich beim Gehen aus: Die Hüfte wird lockerer. Der Beckenboden entspannt. Der Bauch darf hängen, die Lunge frei atmen. Die Arme schwingen. Der Kopf wird klarer, die Sinne wacher.
Der kleine Salamander dort! Stehenbleiben. Ein wenig die Luft anhalten. Beobachten. Weg ist er. Wie schnell so ein Salamander ist! Schon reden wir übers Schnellsein. Auch über unseres. Und was für einen Stress es uns bereitet. Und was uns ruhiger werden hilft (oder helfen könnte).
Waren das nicht deutsche Worte, dieses leise Gemurmelte? Wir drehen uns um. Ja, der Mann auf der Bank, die wir eben passierten, spricht deutsch. Und er meinte uns. Eine Unterhaltung entspinnt sich. Ein ehemaliger Hippie, nennt sich immer noch Aussteiger. Wie lebt er? Er erzählt uns ein wenig. Im Weitergehen sprechen wir über ihn – und über uns. Wollen wir so leben? Oder wie sonst? Was ist uns wichtig?
Es geht bergauf, steil, der Rucksack tut sein Übriges. Also langsamer! Noch langsamer! Nach einer halben Stunde haben wir 200 Höhenmeter gewonnen. Fantastischer Ausblick. Wie das nur geht, man kommt nicht vorwärts und ist nun doch oben? Könnte das anderswo auch klappen, im Beruf zum Beispiel?
Ein Zaun! Mist, wir kommen nicht weiter. Gehen trotzdem ganz nahe. Und da, im letzten Moment, entdecken wir rechts hinter einem Gestrüpp eine Lücke. Dann folgt ein herrlicher Pfad in die Berge. Das haben wir inzwischen so oft erlebt, dass es zu einer inneren Lebensweisheit geworden ist: Gehe die möglichen Schritte bis zum Ende, dann zeigt sich, wie es weiter geht!

imageGehen in dieser Art ist meditativ. Es regt die Seele und das Denken an. Und es lässt Zeit, genügend Zeit, dass sich das Gedachte auch entwickeln kann. Dass neue Erfahrung sich begegnen kann mit alten Erfahrungen. Dass sie sich austauschen und verändern können. So dass du selbst dich veränderst! Sanft. Langsam. Stück für Stück. Und: stetig!
So kommst du im Gehen weiter, örtlich wie menschlich.

Was steht dort auf dem Plakat mit der Werbung für „constelaciones familiares“ (Familienaufstellungen)? „Desarollo personal“. Das heißt „persönliche Entwicklung“. Warte mal! „Des-arollo“, wenn man es wörtlich übersetzte, wäre das „Ent-Rolling“. Ein schönes Wort für Entwicklung. Mensch, Entwicklung! Das bedeutet doch im Deutschen das gleiche: „Ent-wicklung“.
Und so höre ich ein deutsches Wort, das mir, zumal in meiner Tätigkeit als Therapeut, wohl vertraut ist, auf einmal ganz neu: wir wachsen als Menschen, indem unsere inneren Ver-wirrungen Zeit bekommen aufzutauchen, sich mit neuem zu begegnen, sich zu ent-wickeln – um sich dann, neu geordnet, wieder zur Ruhe zu begeben.
Beim Gehen gehts am schnellsten – sich weiterzuentwickeln und zu wachsen, als Person und als Mensch.