GR 142

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– Wo wollt ihr hin?, wir werden deutsch angesprochen.
-Heute auf den Campingplatz.
- Das ist schon mal eine gute Idee.
- Wieso?
 Wir erfahren, dass es hier ganz viele Hippies gäbe. Ja, die sind uns schon aufgefallen.
- Sie klauen!

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Also bleiben wir bei unserer guten Idee und stapfen die Landstraße raus aus Órgiva. Am Campingplatz empfängt uns ein riesiges Schild: Ganzjährig geöffnet! Alle Rollos sind runter. Siesta? Ein Eingang ist nicht zu finden. Doch! Der Zugang zum Pool blufft nur mit einem Schloss. Wir dringen ein. Zwei verlassene Campinghänger.
Ein Hausmeisterartiger taucht auf. Verweist uns an Cristina. Eine Frau von schon 61; sie sei müde vom Leben, der Platz öffne erst im April, wir könnten uns mit dem Zelt schon hinstellen, so, dass es niemand sieht, 12 Euro die Nacht, ihr wollt zwei Nächte bleiben, vielleicht doch besser im Apartamento, ist noch nicht fertig, aber ihr habt ja alles mit, mit Strom müsst ihr sparen, macht Wasser in der Mikrowelle warm, oder habt ihr’n Kocher? (Haben wir), gut, stellt’n so hin, dass die Gardine nicht anbrennt, schaut, so!, braucht ihr Spülmittel? (Ja), ich schlafe nur 4 Stunden in der Nacht, mache mir Sorgen (Worüber?), übers Leben, breitet euch draußen nicht so aus, wegen der Polizei, im Zaun ist ein Loch (?), zum Raus- und Reingehen, ich empfehle euch Maria, preiswert, riesige Tapas zum Getränk… Das Gespräch scheint zu Ende, wir sind informiert, haben 24 Euro weniger und richten uns ein.
Es bleibt genügend Zeit für einen paseo in den Ort. Wir kriechen durch den Zaun. Ein paar Meter weiter grüßen wir den alten Mann in seinem Garten. Aus dem Gruß werden paar Sätze. Das Gartentor geht auf. Aus den Sätzen wird ein Gespräch, aus dem Gespräch wird eine Besichtigung seines Stalles. Hühner, Kaninchen, Katzen und Tauben vereint im ruinösen Teil des Hauses. Wir bekommen drei Eier direkt unterm Hühnerhintern weg. Weil wir den Lebensschilderungen eines 84-jährigem so begierig lauschen. Doch bevor wir gehen, werden wir noch ins Haus eingeladen. Gesprächsgang Nummer zwei und ein vino tinto aus den Trauben das Nachbarn als Gegenleistung. Und, ja, die Zeltplatzdame sei etwas – vielsagende Geste vorm Kopf. Wir verstehen. Nach fast zwei Stunden finden wir einen Abschied und gehen ins Dorf, Hippies angucken. (Dazu dann hier vielleicht mal später was.)

imagePaar Tage, paar Orte und 1500 Höhenmeter weiter: Wir genehmigen uns einen Tag Pause.
Das Zelt steht günstig, 100 Höhenmeter oder 13 Minuten bis zum Ortskern. Viel zu früh für spanische Verhältnisse, so gegen Viertel Neun abends, betreten wir die uns schon vom Vormittag bekannte Bar mit der freundlichen Frau am Tresen. Wir müssen dringend unser Handy laden.
Jetzt steht ein Knabe an der Bar. Wir bestellen zwei Bier und Handy laden. Einer der beiden Gäste mutiert, plötzlich steht er hinter dem Tresen und grollt: Nur noch 5 Minuten! Wir beschwichtigen ihn und stöpseln das Handy an. Anhand der Fotos an der Wand identifizieren wir den Typen als den Barbesitzer. Nun ja. Was wir erhoffen tritt ein, nach einer Dreiviertelstunde verlässt der letzte Kunde den gastlichen Ort. Wir sind anständig und zahlen auch. Nach dieser liebevollen Geste und einem kleinen Trinkgeld wird das Gesicht unseres Wirtes etwas freundlicher und er erklärt uns seine Eile, er müsse doch 6 Uhr früh wieder öffnen. Wir verstehen, dass wir von nun an willkommen sind.
Also sind wir am nächsten Abend wieder da. Und treffen auf einen freundlichen und netten Wirt, der uns nochmal auf seine Müdigkeit vom Vortag verweist, gesprächig ist und schöne Tapas (kostenlos! Wir sind noch in der Provinz Granada) serviert. Als wir gehen, ist das Handy schon bei knapp 60 Prozent.

imageWir passieren Atalbeitar. Ein Keinort. Treffen etwas später eine eine ältere Frau im sportlichen Kurzhaarschnitt, ein ruhiges, wunderschönes andalusisches Pferd haltend. Sie entpuppt sich als Linda. Engländerin. Seit 13 Jahren immer mal hier in der Gegend, seit drei Jahren nun mit ihrem Mann hier in Einortkeinort wohnend und die Natur genießend. Sie hat alle Wege und Steige ringsum erwandert, jetzt nun des Alters wegen mit Pferd.
Wir erzählen ein wenig von uns, sie freut sich mit. Sie erzählt von sich, wir freuen uns.
- Wenn ihr wieder hierherkommt, fragt nach Linda!
So einfach können Adressen sein! So schön und nährend eine Begegnung!

Wieder etliche Höhenmeter und viele Naranjabäume weiter: Unser Essen ist alle. Früh gibt es die letzten drei Naranjas mit besonders vielen Flocken. Dann aber schnell ins Pueblo, einkaufen.
Voll beladen stellt sich die Frage: Wohin? Wir finden eine Art Dorfpärkchen mit Kinderspielplatz. Auf der Parkbank die obligatorischen alten Herren. Doch auch wir finden eine nett gelegene Bank, schön im Halbschatten. Gegenüber ist das Dorfkrankenhäuschen.
Wir machen uns über unsere leckeren Sachen her. Die Altherrenbank scheint als Wartesaal zu fungieren, einer kommt, einer geht in die Ambulanz. Wie praktisch.
Dann kommt sie! Süße Figur, klein, zierlich. imageBrünett. In den Augen diese leichte Melancholie, die einen Stein erweichen k önnte. Im Wesen diese ruhige, stille Präsenz und Zurückhaltung, die anmutig wirkt. Sie gewinnt mein Herz. Ich werde freigiebig. Selbst die frische Wurst ist mir nicht zu schade für sie. Und, natürlich, landet sie schließlich auf meinem Schoß und kuschelt sich ein. Marjana nutzt derweil die Ambulanz zur Linderung von Darmbeschwerden. So bleiben uns einige Minuten einer innigen Begegnung…
Dann wollen wir weiter. Ein wenig läuft sie noch mit, dann dreht sie um.
Als sie uns am nächsten Tag nur kurz beschnüffelt und dann weiter rennt, sind wir erleichtert. Sonst wär der Abschied gar zu schwer.

imageWir studieren, wieder mal, einen Plan am Straßenrand. GR 142. Wir wissen, es wird nichts bringen. Außer der Tatsache, dass es einen GR 142 gibt und dieser ungefähr an der Südseite der Sierra Nevada verläuft, geben diese Pläne nichts her. Trotzdem, wir hoffen auf ein Detail, dass uns weiter hilft.
- Seid ihr Wanderer?
Das war nicht der Plan. Wir drehen uns um. Da steht jetzt ein Mann neben dem parkenden Wohnmobil. Deutscher. Vor fünf Jahren ging seine Frau, seitdem ist er unterwegs, in Europa. Wir kommen vom Baltikum bis zur Ukraine. Schließlich wieder auf Spanien. Erfragen uns Tipps für schönes Wandern am Meer. Schauen uns Fotos von Palmen am Strand an. Erhalten noch Orangen. Zehn Kilo für fünf Euro waren günstig, für ihn allein aber doch etwas viel.
Es sind nicht die Orangen, es sind diese Begegnungen, diese unerwarteten Momente, die unser Leben hier reich machen.

Und uns wird bewusst: Man braucht etwas Zeit, damit solche Begegnungen stattfinden können!

Der GR 142 war uns zwei Wochen lang ein toller, anstrengender, schöner, vielseitiger Wander- und Reiseweg.