Ein Tag

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Es ist gegen 8.30 Uhr. Wir kriechen aus dem Zelt. Es war bereits die vierte Nacht, wir haben schon leidlich gut geschlafen, der Übergang zum Landstreicherleben scheint gelungen.
Draußen scheint die Sonne. Das verheißt baldige Wärme, auch wenn unser Zelt momentan noch im vielleicht acht Grad kalten Schatten steht.
Marjana hat sich einen Rest von Zivilisation bewahrt und begibt sich in ihr Freiluft-Badezimmer (Grand wash saloon im abgestorbenen Mandelbaum).

Meine männliche Kosmetikstunde beschränkt sich aufs Anziehen der Sachen von gestern und vorgestern und vorvor…. Dann setze ich das Teewasser an. Das ist allererste Morgenpflicht, seit wir nun endlich den richtigen Brennspiritus bekommen haben. Die Freude über den Erwerb dieser Besonderheit hält sich in Grenzen, seit wir deren Eigenheiten bemerkten: er stinkt, hinterlässt eine schmierige schwarze Schicht im Kocher und brennt nur mit vielem Zureden. (Wir lernen, selbst Alkohol ist verschlimmbesserbar.)
Während das Wasser nun seine Temperatur gradweise hochschraubt, schnippele ich unser Morgenmüsli: Orange, Apfel und Banane, dazu der billigste Flockenmix, den wir fanden.
Marjana ist inzwischen hübsch (wie sie das nur immer macht) aus dem Badezimmer zurück und beginnt mit dem Zusammenpacken ihres Rucksacks. Das Teewasser ist bereits lauwarm. Ich packe also mit; Matten zusammenrollen, Schlafsäcke stopfen, Schlafanzug (bzw. das, was davon übrig ist, meine Jacke hat es soweit entschärft, dass sie in die Entsorgung kommt) verstauen, Taschenlampe, Feuerzeug, Tool, Brillen, Gepäckriemen ins Deckelfach.
80 Grad sind erreicht. Da sonst nichts weiter zu tun ist, beginnen wir mit dem Frühstück. Als die Müslischüssel fast geleert ist, beschließen wir, den schwarzen Tee (mit Ingwer, Kardamom und Pfeffer, lecker!) ins nunmehr sich dem Kochen annähernde Waser zu geben. So ist er fertig, als wir zum leckeren Dinkelbrot von gestern und guten Schafskäse kommen. Die Sonne hat’s nun auch bis zum Frühstücksraum geschafft, so gehts uns gut.
imageAnschließend wird alles verstaut, Zelt abgebaut, ein letzter Klogang, dann verlassen wir diesen herrlichen Ort, der uns, eine Dreiviertelstunde über Lanjarón gelegen, drei Tage lang ein gastliches Zuhause mit herrlichem Ausblick bis zum Meer war.
Also nun die Dreiviertelstunde runter, die Beine sind etwas müde nach der gestrigen Tour, vorbei an dem Kiwibusch, dessen Früchte uns seit zwei Tagen anlachen und doch nicht zu erreichen sind.
Lanjarón Ortseingang, das Touristenbüro, wo wir vor drei Tagen die ersten Infos über La Alpujarra erhielten. Die einzige Haupstsraße entlang, leicht verblichener Charme eines ehemaligen Wasserkurortes, der seinen Ruf zu bewahren versucht. Heute bleiben wir am zweiten Spezialitätengeschäft hängen. Ein guter Schafskäse (añejo) und Blütenhonig von hier landen in unserem Warenkorb. Nächste Station ist unsere bekannte Panadería, das gute Dinkelbrot ist heute billiger, also zwei Stück. Beim Verstauen im Rucksack komme ich mit der Verkäuferin ins Gespräch.
– Wozu die riesigen Rucksäcke?
– Wir sind ein Jahr unterwegs.
– Estais locos!
Ja, wir sind verrückt.
In der Frutería landen noch preiswerte Orangen von hier und zwei Bananen in den Rucksäcken.
Nach zwei Kilometern ist das Ortsende erreicht. Hier sollen noch eine gute und eine besonders gute Quelle zu finden sein. Sie sind leicht zu unterscheiden, nur an einer holen die Spanier ihr Wasser. Also hin, Flaschen füllen, 3 1/2 Liter führen wir mit uns. Damit ist mein Rucksack wieder bei 20, Marjanas bei etwa 16 kg angekommen. Das reicht, los gehts. Aber erst noch ein Plausch mit dem Alten an der Quelle, der gerade seine Flaschen ausspült und ein großes Schaumbad verursacht. Marjana: Nimmstn Bad? Er lacht.
Wohin wollt ihr mit den Rucksäcken?
Nach Órgiva.
Órgiva? Oi, oi, das ist sehr weit. Und den Weg wollt ihr nehmen? Warum nicht die Landstraße?
Ist zu langweilig,
Oi, oi, viel Glück, ich sehe euch noch, wenn ihr den Berg hochgeht.
Wir winken dir!

Wir verlassen Lanjarón nun wirklich, steil bergauf. (Zuerst hielten wir die Alpujarra für ein Tal zwischen zwei Gebirgen, nun fangen wir an zu begreifen, dass es ein kleines Gebirge zwischen zwei großen ist.) Nach einer halben Stunde kommen wir an der Einsiedlerhütte von Santo XY vorbei. Der Weg geht durch Olivenhaine weiter aufwärts. Nach einer weiteren halben Stunde sind wir inmitten von herrlich lila blühendem Riesenrosmarin und wunderbar gelbblühenden ekligen Stachelbüschen gelandet.
Der Himmel ist über der linken Sierra dunkelgrau und über der rechten mittelgrau. Erste Regentropfen. Pause!
Eine Naranja vertilgen. Brot und Queso folgen. Der Regen hat sich entschieden, nicht zu kommen. Weiter gehts. Nach einer knappen Stunde ein Wegweiser mit Zeitangabe, noch eine Stunde bis Órgiva.
Da wird es, wenngleich erst Nachmittag, Zeit, unser Nachtlager zu suchen, ehe wir allzusehr in die Zivilisation kommen. Der Weg führt leicht abwärts, an einem verlassenen Mandelhain vorbei. Hier? Nein, noch ein wenig. Dann kommt ein Cortijo in Sicht. Die obligatorischen Hunde bellen. Órgiva ist zu sehen, der Weg wird steiler. Wo schlafen wir? Dort unten, eine Lücke in einem Olivenhain.

imageDer erspähte Platz entpuppt sich als tauglich, schön eben, gedeckt nach allen Seiten, trotzdem licht, vom Weg aus nicht zu sehen, Oliven abgeerntet.
Wir bauen das Zelt auf. Entdecken wenige Meter weiter Orangenbäume, Zitronen auch.
Beim Hin- und Herräumen ereilt mich eine Fata Morgana: da steht ein Hund! Er scheint so erstaunt wie ich und verschwindet flugs und leise Richtung Weg. Eine Ziege meckert. Wir schauen uns an, reden etwas leiser. Wenige Minuten später schlagen die Hunde vom Cortijo an. So nahe?
Egal, jetzt bleiben wir hier.
Zumal wir hier besonderen Service genießen. Das erste Mal seit Tagen ist Wasser am Zeltplatz, ein kleines Bächlein. Das verheißt uns ein Bad! Das Wetter spricht zwar nicht dafür, unser Geruch aber sehr. Ein Stück weiter oben hat jemand ein Rohr so gelegt, dass eine kleine Dusche entstand. Also nix wie drunter, Genuss ist anders, schnell wieder abtrocknen. Zum Wäsche waschen reizen uns die Umstände heute nicht mehr.

imageInzwischen ist Abendbrotzeit. Zuerst (siehe oben): Kocher an. Was gibts heute? Marjanas tolle Idee: heiße Zitrone. Ich ergänze: mit Orangen. Wir kochen alles aus, mitsamt den Schalen, ist ja hier unbehandelt. So entsteht ein lecker Getränk, dass uns den Abend über begleitet, dazu gibts Orangen-Schafskäsesalat mit Olivenöl und das gute Brot.
Nach dem Essen bleibt noch Abend übrig, es ist ja erst gegen sechs. Wir wollen noch nicht in die Schlafsäcke kriechen, da wir vor 8 Uhr nicht aufstehen können (wer will schon gern im kalten Halbdunkel durch die Gegend stolpern?). Entspannt sitzend den Abend genießen fällt auch aus, weil die Temperatur dank wolkenverhangenem Himmel vielleicht noch ganze 12 Grad beträgt. Zu Reparieren gibt es auch gerade nichts. Also noch ein Spaziergang, ein Stück durch die Kräuter, ein wenig den Weg weiter hinunter in Vorausschau auf morgen, wieder bergauf zum Warmwerden. So vergeht fast eine Stunde, die Beine sind müde. Noch ne heiße Zitronenorange, Zähneputzen, dann geht es ab. Wir huscheln uns ein und verschwinden für die nächsten zwölf Stunden in unseren Schlafsäcken.