Das fühlt sich komisch an. Vorsichtig tastet die Zunge im Mund herum. Gewissheit stellt sich ein, der Zahn ist defekt. Da ist ein großes Stück rausgebrochen. Oder fehlt eine Krone?Wann ist das Teil überhaupt rausgefallen? Mit der Zahnseide, oder schon vorher beim abendlichen Zähneputzen? Die Zunge versucht sich zu erinnern. Allein, es bleibt so dunkel wie die angebrochene Nacht.
Morgendliches Erwachen, die Zunge versichert sich der traurigen Wirklichkeit. Aber erstmal will ich normal tun. Müsli bereiten, Teewasser aufsetzen, Frühstück, Kauen auf links.
Ich will einen Spiegel! Marjana hat die glorreiche Idee, ein Foto zu machen. Also lasse ich mir das iPad in den Mund schieben. Gestochen scharf sehe ich die nicht mehr vorhandene Krone. Dann müssen wir jetzt suchen! 30 qm mit vielen Kieselsteinen und Stachelbüschen. Es ist sinnlos, will aber unbedingt getan werden. Ne halbe Stunde später hat es auch der Körper begriffen. Doch, was ist jetzt der Plan? Erkundigen, wo hier ein dentista sitzt, klar. Aber was mache ich, wenn der den Zahn ziehen will? So leicht gebe ich das Teil nicht her.
Eine Idee taucht auf: ich könnte ja meinen geliebten deutschen Zahnarzt anrufen. Und gleich das Bild schicken, schiebt Marjana hinterher. Gedacht, getan. Runter von unserm Hügel ins pueblo. In der Hippiebar dröhnt sich die Barjungfer mit Elvissound den Kater vom Vorabend weg. Der erste Versuch mit dem spanischen Handy versinkt in der Musik. Ich könnte den Kram hinschmeißen. Wo ist ein ruhiges Örtchen? Genau dort finde ich auch eine Steckdose. Doch der Akku ist so fertig, dass es gerade mal zum Anklingeln reicht. Muss doch das teure deutsche Handy her. Diesmal hab ich richtig Schwein, mein Doc ist da, nimmt das Foto in Empfang und schickt umgehend Empfehlungen.
Marjana hat inzwischen maulfaule Leute zum Reden gebracht, 17 km weiter gäbs einen dentista. Und in einer Stunde fahre ein junger Spanier hin zum Tanken. Super. Und zurück? Einen Bus gäbs nicht, also Fragezeichen. Naja, Wandern kann ja auch schön sein, trösten wir uns.
Unser Auto setzt uns halb fünf direkt vorm dentista ab. Obwohl der erst in einer halben Stunde aufmachen soll, klingeln wir. Die Schwester öffnet. Nombre? Soy un caso urgente, Notfall. Kaum sitzen wir, wird der Warteraum richtig voll. Eine hypermoderne Praxis, fast wie ein Hotel. Wenig später sitze ich auf dem blauen Stuhl im Behandlungsraum 2. Schnell gehe ich nochmal durch, was ich alles sagen will. Wie heißt gleich Füllung auf spanisch?
Die Stimme des Doktors klingt aus BR 1 sympathisch herüber. Seine Erscheinung ein paar Minuten später ist es auch. So bringe ich spanisch alles heraus, was ich sagen will. Der Doktor lächelt freundlich, legt mich um und kratzt am Zahn. Ah, aqui tenemos un problema. Das beruhigt mich nicht, aber er macht zielstrebig weiter. Das muss jetzt eine Anästhesie gewesen sein. Ja, der Doktor geht, bis meine Lippe ordentlich hängt.
Schließlich fuhrwerkt er eine halbe Stunde an mir rum, mittendrin etwas schwitzend, scheint mir. Ich beame mich auf unsern Hügel hoch überm Meer.
Doch am Ende scheint er mit seinem Werk sehr zufrieden. Das halte viel länger als die zunächst angepeilten zwei Monate, meint er. Dermaßen aufgebaut springe ich vom Stuhl, begleiche draußen meine Rechnung, in der Hoffnung, dass die noch eintrifft. Kurzer Belohnungseinkauf, dann wandern wir heim. Doch das Leben meint es richtig gut mit uns, nach 10 Minuten hält ein Jeep mit einer 62igerin, die gerade von Paris heim nach Las Negras fährt.
So bin ich 19 Uhr wieder dort, wo ich fünf Stunden früher überhaupt noch nicht wusste, was ich tun sollte. Und nun habe ich nicht nur einen Plan, ich habe den Zahn!
Wir müssen noch eine Stunde wandern gehen, um alles zu verdauen.