Murcia hat uns überrascht. Bis zuletzt. Und so stehen wir jetzt hier, Industriegebiet Nord, schon auf der Autobahnauffahrt, und halten die Daumen in den Wind. Vor einer Stunde war noch sicher, dass uns Alejandro gleich bis Alicante mitnehmen würde. Aber, lo siento, sein Freund habe abgesagt, so würde jetzt nichts aus der Reise. Zur Autobahn bringe er uns noch. Das war lieb von ihm. So wie er schon eine ganze Woche lang lieb zu uns zwei reisenden Gestalten war.
Aber vielleicht der Reihe nach.
Wir wollten nicht nach Murcia. Also eigentlich doch, aber dann auch wieder nicht. Und dann rutschte uns, beiden gleichzeitig, der Name doch aus dem Mund, als vor zwei Wochen in Mojácar das erste Auto hielt. Obwohl wir eigentlich nach Valencia… Dem Fahrer war es egal. Er wusste auch nicht, wohin er wollte. Vielleicht bis Barcelona, vielleicht Valencia… Alles, was er wusste, war, dass er weg wollte von seiner Frau. Und dass er jemanden zum Reden brauchte. Mit seiner Frau wäre es nicht zum Aushalten. 100.000€ habe er schon in sie gesteckt. Und wie wir das aushielten als Paar. Und dass er es jetzt satt habe… Diese Art der Kommunikation war nur begrenzt verkraftbar. So wurde Murcia das Ziel unserer Sehnsucht. Nur raus hier! Er wollte uns nicht gern gehen lassen. Es bedurfte einer energischen Ansage von mir, dass er hielt. Und einer weiteren, dass der Abschied ein Ende fand. Uff!
Die blind gewählte Abfahrt entpuppte sich als Treffer. Nach 20 Minuten Fußmarsch waren wir im Hotel. Wir verlangten ein billiges Zimmer. Bekamen ein Angebot von 74€ für zwei Nächte. Nicht schlecht. Aber auch nicht gut genug. Wir hatten doch bei booking gelesen, dass es auch für 62,50€ gänge. Ging es nach diesem Hinweis auch. Trotzdem war uns unklar, wieso die Preise in Murcia, in MURCIA, gerade so hoch waren. Bisher hatten 20 bis 25€ pro Nacht meist ausgereicht. Und nun ausgerechnet in Murcia…
Ja, wurden wir aufgeklärt, El bando de los huertos! El bando was? Wir hatten schließlich darauf geachtet, die Zeit der in den Leiden Christi und Mariä schwelgenden Passionsprozessionen in der Woche vor Ostern gerade nicht in den dann schweineteuren Hotels uä zu verbringen. Und waren nun ungeahnt in die hohe Zeit der fiestas de primavera in Murcia gestolpert. Na, denn!
Am nächsten Morgen, Dienstag, Tag des bando, ging’s los. Kaum aus dem Hotel getreten, sahen wir sie.
Die ersten Gestalten in weißen Hemden, weißen knielangen Faltenhosen, weißen Häkelstrümpfen und einfarbigen knallbunten Westen, vorzugsweise in blau, grün oder rot, und einem Tuch um den Bauch in je der gleichen Farbe. Es wurden immer mehr. Die meisten um die 20. bewaffnet mit großen Plastetüten voller Bier und 5l-Plastekanistern Wein strebten sie wohin. Wir ließen uns mit ihnen treiben. Vorbei an einem sich zunehmend füllenden Platz mit dem heute so allgegenwärtigen wie auf den Nerv
gehenden Bassgewummer aus Boxen, die ansonsten so weit aufgedreht sind, dass sie nur noch schnarren.
Der Trachtenmenschenstrom ergießt sich in einen Park. Körper an Körper. Was macht man hier? Man ist. Stehen, quatschen, Musikhören, kübeln, pinkeln, paar Schritte weiter gehen. Es ist noch nicht mal Mittag, die 30 Grad im Schatten stehen noch bevor. Wir wollen nicht wissen, wie das ausgeht, und schlendern weiter.
Und siehe da, es wird überall gefeiert. Und überall diese Trachten! Wirklich
fast jeder hat sie an. Oma und Opa gesetzt und traditionell. Die Enkel hübsch und stolz. Manche bis zu den Schnürschuhen, andre nur mit farbiger Weste. Man geht, isst, quasselt, tanzt.
Der Höhepunkt kommt 17 Uhr. Großes desfile. Die Spanier sind praktisch: Gran Via auf 2 km Länge abgesperrt, ein paar kleine Tribünchen auf den Fußweg, Tausende von Plastestühlen am Straßenrand, der Rest sind Stehplätze. Von den letzteren haben wir zwei ergattert, wir können sogar die Straße sehen.
Dann kommen sie. Gartenarbeiter in alten Arbeitsanzügen, mit Eseln, mit Ochsen, mit Pferden, mit alten Gartengeräten, mit alten Fahrrädern, Mopeds, dann Traktoren. Dazwischen Musikgruppen, Ernteköniginnen, Bäuerinnen mit Karnickeln, die sie vom Wagen präsentieren… Und dann die Wagen mit allem, was im Garten wächst. Das wird großzügig in die Menge geworfen. Die Hälfte der Zuschauer mutiert zu Hamstern, die Familie vor uns macht das professionell: Omma bewacht die Sitzplätze, Mama bettelt jeden Wagen mit hocherhobenen Händen an, Junior öffnet schreiend gleich eine große Sammeltüte, die Kleinste klaubt das, was durch alle Hände hindurch tatsächlich noch auf den Boden gefallen ist, zusammen und Oppa dirigiert das ganze System. Der Aufwand scheint sich gelohnt zu haben, am Ende präsentiert man sich stolz drei pralle Riesentüten. Apropo Ende. Es kommt spanisch abrupt. Mehr als zwei Stunden sind vergangen, der letzte Wagen passiert unseren Standort. Während wir noch ergriffen schauend verweilen, hat sich die Menge um uns schon aufgelöst. Gefühlte zwei Minuten später sind die Stuhleinsammler da. Wenig später werden die großen Stuhlstapel am Straßenrand schon auf Autos geladen. Unmittelbar folgend die vereinigte Müllabfuhr von Murcia.
Paar Jungs mit gewaltigen Pustern wirbeln alles richtig hoch, andere kehren die Reste auf die Straße und dann kommt die ganze Fahrzeugflotte. Es kann kaum drei Stunden dauern, da ist der Müll von Zehntausenden weg und die Straße wieder frei. Wir sind beeindruckt.
Das war das erste desfile dieser Woche. Innerhalb der nächsten vier Tage sollte es noch drei weitere geben. Und weitere Überraschungen.