Oleg

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imageWir treffen ihn am langen Strand im Irgendwo zwischen Іллічівськ, Illitschiwsk und Затока, Zatoka. Er mag mein Alter sein, sein Bauch hat gut das Dreifache von meinem. Fünf Angeln hat er an die kurze Betonbrüstung gelehnt, ein nennenswerter Fang ist ihm noch nicht gelungen (außer einem paar kleiner Köderfische mit lustigem Aussehen, die er uns später noch zeigen wird).
Wir sind lebensmitteltechnisch abgebrannt, brauchen ein магазин, Mahazyn. Natürlich weiß er eines,gleich hier vom Strand aus hoch und dann die Straße ein Stück nach links, am Ortseingang seines Dorfes. Seine Frau bewirtschaftet das. Und, ja, wir bekommen dort alles, was wir brauchen.

Wir sind schon am Weitergehen, als uns die Frage nach den сто грам, Sto Gramm (für Nichtostler: damit ist eben diese Menge des beliebten Wodka, in der Ukraine горілка, Horilka gemeint) ereilt. Ich denke, warum nicht, begrenze angesichts der hitzigen Sonne auf zwanzig.
Dann gehts schnell. Zwei Gläser sind flugs da, das Fläschchen auch. Pur geht natürlich nicht, was kleines zu essen gehört dazu und kommt hier in Form eines winzigen Hühnerflügelchens. Oleg hält’s mir herüber, ich greife zu, aber er lässt nicht los. Ach so, teilen ist angesagt, ich brech mein Stückchen ab, auch für Marjana bleibt noch was und für Oleg sowieso. In der Wärme trocknen die Gläser schnell aus, aber Oleg hat noch mehr im Fläschchen, um die Unterhaltung flüssig laufen zu lassen.

imageDas Geschäft läuft nicht gut dieses Jahr, erfahren wir, die Touristen an diesem herrlichen Strand bleiben in Größenordnungen aus. Putins Hetzpropaganda hat alle russischen und belorussischen Touristen abgehalten zu kommen. Die aus der Ostukraine haben jetzt andere Sorgen. Und so hält Oleg sich mühsam über Wasser. Er muss sich irgendwie drehen, es ist erst das zweite Mal in diesem Jahr, dass er ans Meer komme. Die Bar an ihrem Mahazyn haben sie schon schließen müssen. Sein zwanzigjähriger Sohn ist seitdem arbeitslos.
Vielleicht wird er ja bald einberufen. Oleg erzählt von Familien, die ihre Söhne nicht zur Armee gehen lassen wollten. Das versteht er nicht. Jetzt muss man sich doch für die Ukraine einsetzen. Er würde zustimmen, wenn sein Sohn kämpfen muss – aber nur, wenn sie ihn auch mitnehmen. „Ich bin doch auch noch tauglich!“, sagt er.
Sein Handy klingelt. Sein Sohn. Der soll gleich mal herkommen, hier sind zwei Fremde, die ins Mahazyn wollen. Und, klar, etwas Nachschub an Horilka und Hühneflügelchen wär auch nicht schlecht. Die Wartezeit überbrücken wir mit den nächsten „Wässerchen“.
Zehn Minuten später sehen wir Denis, den Sohn, tatsächlich den Berg herunterkommen. Wir müssen also gleich los. Aber zuvor ist noch Zeit für einen gekühlten Horilka und paar frische Flügelchen. Dann verabschieden wir uns von Oleg. Eine reichliche halbe Stunde waren wir zusammen – und er ist uns irgendwie ans Herz gewachsen.

Denis setzt uns direkt vorm Mahazyn ab. Wir erzählen Olegs Frau gleich, dass wir von Oleg geschickt sind. Sofort entsteht eine Verbindung zwischen uns. Wieviel er gefangen hat, will sie wissen. Als wir von der effektiven Null berichten, meint sie: „Es ist sein einziger Urlaub!“ Es klingt liebevoll, Verständnis für ihren Mann.
Sie bestätigt, was uns Oleg schon über die Situation erzählte. (Auch später werden wir erleben, wie die Sommerbarbesitzer und Urlaubsbazartschiks sich freuen, jetzt endlich diese Scheißsaison zu beenden, fünf Wochen früher als sonst. Es ist mühsam hier. Ohne dass sich an der tatsächlichen Situation gegenüber den vergangenen Jahren was geändert hätte!)
imageWir kaufen bei ihr soviel wir brauchen. Den Kaffee zum Abschluss schenkt sie uns.

Nachdem wir im Dorf noch Weintrauben einer wunderbar aromatischen Sorte erstanden, führt uns unser Weg direkt zum Strand und einem kleinen Nickerchen.