Wie das Leben so spielt: Justament als wir hier sind, feiert Odessa seinen 220. Geburtstag. Kostenloses Konzert auf einer Bühne über den berühmten Potjomkinschen Treppen inclusive. Nach einigen kurzen Ansprachen beginnt die Musik – mit der ukrainischen Nationalhymne. 30-40.000 Leute singen mit. Gänsehautgefühl.
Die politische Situation schwingt immer mit während der Auftritte der Folgebands. Слава України, Ehre der Ukraine, der alte Kosakenschlachtruf ist neu lebendig geworden. Wohlgemerkt, wir sind in Odessa, russisch geprägte Stadt. Bei Gesprächen mit Einheimischen erfahren wir, dass seit Beginn der Kämpfe im Osten mehr Leute beginnen, Ukrainisch zu sprechen. Die blau-gelben Fahnen sind hier sowieso wie überall im ganzen Land dauernd zu sehen.
Das ukrainische Fernsehen zeigt heute, wie gezielt ukrainische Grenzdörfer von Russland aus mit Raketen beschossen werden. Es zeigt, wie russische Soldaten in diversen Internetforen sich mit Fotos aus der Ukraine brüsten. Die Ukrainer erkennen ihre Orte und Landschaften.
Das russische Fernsehen hat gebracht, wir russische Soldaten, die in der Ukraine ums Leben kamen, beerdigt werden. Ach, staunt man, sind also doch russische Soldaten in der Ukraine! Dann wird auch das Grab von einem russischen Soldaten gezeigt, der schon im Mai in der Ukraine umkam. Ach was, solange schon!
Ich lese, dass mehr als 5000 Freiwillige in der ukrainischen Armee kämpfen. Freiwillig, was heißt das? Das sind ganz normale Bürger, Angestellte, Manager, Arbeiter, die, teils direkt vom Majdan weg, an die Front gingen, um ihr Land zu verteidigen. Sie haben nur Kalaschnikow, eine Sorte MG sowie Panzerfäuste. Mehr nicht!
Ich schalte um auf deutsche Tageszeitungen, meine Internetshow. Ich sehe überall Putins Gesicht. Ich lese, wie, naja, die Ukraine es eben nicht schafft mit ihrer schlechten Ausrüstung gegen Russland. Wie sie wohl etwas Land wird abgeben müssen. Wie man Herrn Poroschenko bei der NATO nett findet, aber ihm, leider, leider, nicht helfen kann. Es gäbe da ja Verträge mit Russland. Ja, ja, Russland hat die gebrochen, aber wir, wir, besonders wir, wir Deutschen, sind ja die Edlen, wir halten uns trotzdem an alles. Nein, so schlecht kann der Herr Putin nicht sein. Und Steinmeier labbert schon wieder herum, dass ja die Ukraine nun was tun müsse.
Und: Wir machen da noch paar Wirtschaftssanktionen. Ganz toll! Dürfen den Russen bloß nicht so sehr weh tun, könnten sie ja übelnehmen. Russische Minister haben wir noch nicht auf der Liste. Ich frage mich: Wer entscheidet denn in Russland? Das ist doch eigentlich fast im Alleingang – Putin, oder? Aber, wie immer, eine hohe Krähe hackt der andern kein Auge aus.
Dann finde ich einen kleinen Artikel unter http://www.sueddeutsche.de/politik/ukraine-krieg-im-ferienlager-1.2117975
Deeskalation trotz Sanktionen
Zwar berät die EU darüber, Russland mit Sanktionen wirtschaftlich abzustrafen. Gleichzeitig aber nimmt sie nun von einem Freihandelsabkommen mit der Ukraine vorerst Abstand – um Russland nicht zu sehr zu verärgern, aber auch um den beidseitig profitablen Handel mit Russland nicht noch zusätzlich zu belasten. „Wir haben hier sehr viel über das Freihandelsabkommen gesprochen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Nato-Gipfel in Wales. Und „wie man da vielleicht auch mit Russland Kompromisse finden“ könnte. Moskau behauptet, eine europäisch-ukrainische Freihandelszone könne die eigene Wirtschaft, die vor allem staatlich gestützte Produkte in die Ukraine ausführt, zusammenbrechen lassen. Ende Juni hatten die Ukraine und die EU dennoch den Vertrag unterzeichnet – was den Konflikt mit Russland verschärfte. Die Ratifizierung wurde aber verschoben. Moskau hat inzwischen einen Katalog mit Bedingungen an die EU-Kommission geschickt, zu denen es die europäisch-ukrainische Zusammenarbeit in Handelsfragen akzeptieren würde. In Brüssel heißt es, die Liste sei so lang, dass sie das Abkommen praktisch aushöhle. Der geplante Abbau von Zollschranken werde darin untersagt – weshalb europäische Firmen keine Chance auf Exporte bekämen. Erkläre sich die EU einverstanden, überlasse sie den Markt den Russen. Zugleich wurde darauf verwiesen, dass den Europäern der russische Markt ohnehin wichtiger sei.
Daniel Brössler, Cerstin Gammelin
Was für eine Arschkriecherei Russland gegenüber!
Und immer noch ist in deutschen Medien die Rede von „Separatisten“, obwohl da höchstens noch zwei da sind. Es sind de facto nur von Russland angeworbene und bezahlte Söldner sowie zunehmend reguläres russisches Militär, die jetzt kämpfen.
Es wird immer noch das Märchen zitiert, dass es sich anfangs um einen innerukrainischen Konflikt gehandelt habe. Nein, hat es nicht! Auch wenn viele das gerne hätten, damit der Putin noch ein bisschen lieb aussieht, wegen der Geschäfte. Es war von Anfang an ein Krieg von Russland aus.
Ja, und speziell Deutschland verweigert(!) der Ukraine die Unterstützung. Frau Merkel brauchte drei Monate Zeit, um endlich eine Lieferung von Schutzwesten(!) freizugeben, und noch immer ist bürokratisch nicht alles geklärt. Bei der Lieferung an die Kurden im Irak ging das wesentlich schneller. Und wir wissen ja nun, siehe oben, wie zB die Freiwilligen ausgestattet oder besser nicht ausgestattet sind.
Und wir so lieben und edlen und ethisch hochstehenden Germanen sind auch die großen Bremse in der NATO (ist ja schon schlimm genug, dass der NATO-Generalsekretär die Wahrheiten immer so ungeschminkt herausposaunt, ist ja fast ein Sicherheitsrisiko, der Mann!). Sonst wäre es fast soweit gekommen, dass man der Ukraine wirklich geholfen hätte, was hätte nur der arme Putin dazu gesagt.
Ja, wir schauen zu und geben uns edel. Ein ziviles Flugzeug war noch nicht genug, wir brauchen mehr! Die Bilder der NATO sind uns nicht genug, wir brauchen die wissenschaftliche Untersuchung des Falles, dauert leider zwei Jahre. Was die Ukraine erzählt, ist sowieso mit Vorsicht zu genießen, wir glauben lieber den „Separatisten“, ach so, ja, und natürlich ganz besonders unserem Freund Putin. Also, was der jetzt wieder für einen tollen Friedensplan hat (den wievielten eigentlich?), da glüht ja Herr Steinmeier schon wieder rot vor Hoffnung. Muss die Ukraine eben bisschen Territorium abgeben. Hat doch Deutschland 1945 auch machen müssen, oder?
Heute, noch schnell vor dem Waffenstillstand (wie lange wird der halten?), war Mariupol dran. Da war lange Ruhe. Nun haben russische Truppen eine neue Front 100 km in der Ukraine eröffnet! Die Pläne für Neurussland reichen bis Odessa. Putin sprach schon von Kiew.
Und wenn er nach Warschau will? Dann reichen die 160 Amerikaner in Polen??? Steinmeier würde selbst dann noch Hoffnung sehen, Merkel ihre großartige Verhandlungstaktik beschwören (sie verhandelt, Putin handelt) und Holland widerwillig seine Flugzeugträger noch einen halben Monat später verkaufen. Und wenn Putin dann in Frankfurt/O. steht, würde die deutsche Regierung etwas davon stottern, dass das nun aber wirklich nicht ausgemacht war…
Wann werden wir es lernen, der Wirklichkeit ungeschminkt ins Auge zu sehen?
Ich gebe euch hier noch einen Link zu einem Artikel von polnischen Intellektuellen (ich dachte doch tatsächlich erst, es wären deutsche gewesen, aber die kommen nur aus ihren Löchern, wenn das Umfeld sicher ist), ich finde ihn sehr gut in der Sache und sehr treffend, was die Meinung zur deutschen Politik betrifft: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article131771971/Gestern-Hitler-und-Danzig-heute-Putin-und-Donezk.html
Lest ihn, bevor er weg ist, die Welt war bisher sehr putinfreundlich (und der KGB sitzt überall;-).
Und noch eine letzte Anmerkung: Ich bin nicht für Krieg!
Aber es ist eben nicht so, dass Europa, mit Frau Merkel an der Spitze, einen Krieg vermeidet. Der Krieg findet bereits statt. Hier, in der Ukraine. Europa ermutigt mit seiner zögerlich-ängstlich-geldgierigen Politik Putin, seinen Krieg gegen die Ukraine fortzuführen.
Wenn der dicke Max sich aufbaut, dann braucht es erstmal klare Grenzen, dann kann man in Verhandlungen treten. Wer glaubt, vorher was mit Verhandlungen zu erreichen, macht sich lächerlich. Und angreifbar!