Wir suchen…

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… eine Näherin. Schon unsere erste Frage beim Hostalportier nach einer solchen verspricht Erfolg. Wenige Straßen weiter sei eine. Auf dem abendlichen Spaziergang schauen wir schon mal nach. Aber irgendwie haut es nicht hin.
Ok, wir fragen morgen im Babyladen.

Ein schöner Tag. Wir brauchen die Näherin, es geht schließlich um unser Zelt. Babyladen wird verworfen, aber vorm benachbarten Korbwarenladen steht eine ältere Frau. Die wissen doch sowas! Klare Frage, klare Antwort, alles gar nicht weit. Gasse hoch, erster Lampenladen, Näherin, zweiter Lampenladen. Wunderbar, gracias! Wir gehen hoch, erster Lampenladen, zweiter Lampenladen… Haben wir was falsch verstanden? Nochmal zurück, zweiter Lampenladen, erster Lampenladen… Dazwischen ist nichts!
Doch. Vor der Versicherungsagentur steht einer. Wir fragen, er nickt, die Tür nebenan! Kein Laden, kein Schild, nicht mal eine Bemerkung an der Klingel. Man weiß es einfach. Wir klingeln erleichtert. Nach dem fünften Mal begreifen wir, dass sich diese Tür uns jetzt nicht öffnen wird. Das wäre ja an sich nicht schlimm, aber wir wollen doch unser Zelt… Zurück zum Portier. Der hat sich offensichtlich in der Zwischenzeit nochmal kundig gemacht und zeichnet zielsicher ein Kreuz in unseren Stadtplan.
Drei Straßen und drei Ecken weiter stehen wir in einem Nähladen. Was für ein Geschäft! Tausende Knöpfe, hunderte Borden, Nähgarn in allen Farben und Arten… Sowas gibts hier noch! Wir staunen. Zwei ältere Damen wühlen in einem Buch mit Stickmustern. Ein alter Herr sucht seinen Knopf. Was wollt ihr? Wir sind gemeint und tragen dem Ladeninhaber (tatsächlich ein Mann!) unsere Wünsche vor. Nein, eine Näherin hat er hier nicht, aber, er kommt sogar mit raus, da geht es lang. Einmal links, einmal rechts und fertig.
Genauso ist es dann auch. Der Laden wirkt professionell, viele Flamencokleidchen.
Wir packen unser Zelt aus. Das gute Hilleberg hat einen großen Dreiangel am Innenzelt. Wie der hineinkommt?

Wir kehrten im Dunkeln zurück von unserm Dorfausflug nach Ugíjar. Das Zelt stand, wie immer, irgendwo in der Natur. Etwas müde von einigen Cañas wollte ich gerade hineinkriechen, als Marjanas erstaunt-erschreckter Ausruf zu hören war: Das Zelt ist aufgeschnitten! Das klang zu unwirklich, als dass es wahr sein konnte. War es aber. Wer macht denn sowas? Und dann noch unten an der Seite? Ach, du Scheiße, was ist mit dem Außenzelt? Zum Glück war dort alles ok. Das machte die Sache eher noch rätselhafter. Wer langt denn unter dem Außenzelt durch um das innere so blöd aufzuschneiden?
Du, Ralf, wo sind denn unsere barras (was beim Franzosen ein Baguette ist hier ein barra)? Keine Ahnung. Sie fehlen. Zwei große frische knusprige barras. Allmählich dämmert es uns. Hier war kein Mensch am Werk. Wir beschließen, dass es ein Hund gewesen sein muss, eine jener halbwilden, meist ziemlich ängstlichen und notorisch hungrigen Gestalten, die man hier zu mehreren in jedem pueblo findet. Der hatte ein köstliches Mahl, wir ein kaputtes Zelt.

Nun popeln wir unser Tape, mit dem wir uns notdürftig vor dem kräftigen Wind geschützt hatten, wieder ab.
Übermorgen Nachmittag sei das Zelt fertig. Wir handeln runter auf Mittag. Vale.

imageZwei Tage später stehen wir mit unseren großen Rucksäcken wieder im Laden. Meine Ahnung wird zur Gewissheit: Es ist noch nicht fertig, noch nicht mal angefangen. Unser erster Bus ist damit weg. Auf den nächsten aber wollen wir nicht verzichten. Die Dame am Tresen merkt uns den Ernst der Lage an. So können wir eine Stunde später unser gut geflicktes Zelt in Empfang nehmen und mit dem nächsten Bus in die Sierra de Cabo de Gata fahren.
Als die letzten im Bus steigen wir an der letzten Haltestelle aus – und stehen am verlassene Ende der Welt. Ein strammer Wind pfeift vom Meer her, begleitet uns eine Stunde Wanderung lang und wird in der Nacht noch schärfer. Wir schlafen nur wenig, das Zelt biegt und bläht sich, flattert, zerrt an den Häringen… Die Naht hält!