Leben in der Spannung der Pole

  1. DSC_0759Januar 2016.

Ich sitze bei türkischem Tee und ukrainischen Nachrichten. Euromaidanpress holt hervor, was russische Schriftsteller, Filosofen, Professoren zum zu Ende gegangenen Jahr 2014 sagten:

Was hat sich verändert? Die Zivilisation hat sich verändert, sage ich. Im Jahr 2014 hat sich die Zivilisation verändert.“ (Tatjana Chernigovskaja)

„Der Krieg in der Ukraine ist mehr als einfach nur ein Krieg. Er besitzt eine sehr große symbolische Bedeutung. Wenn wir über eine neue Weltsicht sprechen, dann ist der Krieg in der Ukraine einer der ersten Kriege in der globalisierten Welt. … Mir scheint es so, dass in einer ökonomisch globalisierten Welt alle Kriege, um es vorsichtig zu formulieren, zu solchen werden, in denen es weder Freund noch Feind gibt, wo sie nur nominell sind, und der politische Raum – fiktiv…  Frieden oder Waffenstillstand in diesem Krieg – das sind unsere Illusionen, die auf den Erfahrungen vergangener Kriege beruhen, als Staaten und reguläre Armee gegeneinander kämpften. Der Krieg in der Ukraine – das ist kein Krieg von Staaten oder Armeen, das ist ein Krieg der Ambitionen schwacher und feiger Politiker. … Dieser Krieg wird in den Massenmedien ausgetragen. Die Kampfhandlungen sind nur ein Bestandteil von vielen – zugegeben, ein sehr dramatischer Bestandteil.“ (Oleg Aronson)
„Das Universum, aus dem wir ausgeschieden sind, hat vor nicht allzulanger Zeit Ljudmila Ulizkaja beschrieben. In der Sprache der Ära Gorbatschows nannte man es die “Universellen menschlichen Werte”: Humanismus, Rechtmäßigkeit, Verständigkeit und historische Verantwortung.

Der schmutzige, leere und grausame Taumel, den man uns als Ersatz für unsere eigenständige nationale Identität anbietet, ist einem Fieberwahn ähnlich. … In meinem langen Leben habe ich noch nie so viel Hässlichkeit gehört, wie heute überall (nicht nur in den Medien, die natürlich den Ton vorgeben, dem unsere Landsleute bereitwillig folgen!). Alle diese Hässlichkeiten kannst Du von einem Nachbarn hören, der vor einem Jahr noch recht gutmütig war.“ (Olga Sedakowa)

In mir erinnert sich das Jahr 2015. Der eine Nachbar gegen Ausländer bei Pegida. Der andere will, dass „Putin hilf(t)“. Ein deutsches Gericht urteilt, das Recht auf Demonstrationsfreiheit sei höher einzuordnen als der Schutz von Leib und Leben. Die Sozialdemokratie scheißt auf Europa und dienert sich der Wirtschaft an, Hauptsache unsere Geschäfte mit Russland laufen prima. Sarah Wagenknecht geißelt die Kanzlerin als Kriegstreiberin und lädt sich die Kriegstreiber aus dem Donbass zum Rosa-Luxemburg-Treffen ein. Der französische Präsident fordert deutsche Solidarität beim Kriegführen in Syrien (wegen Anschlägen in Paris – wusste gar nicht, dass das in Syrien liegt). Die AfD verschärft den Ton gegen Ausländer in unerträglicher Weise.

Und dann kommt die Welt zu uns: Afrikaner übers Mittelmeer, Leute vom Balkan in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, Kriegsflüchtlinge aller Art aus Syrien.

2015 ist die Globalisierung bei uns tatsächlich angekommen. Schluss mit Ausklammern (Wir sind die tolle erste Welt, die dritte ist zum Ausquetschen da.). Jetzt wollen die Gegensätze miteinander gelebt sein!

Neben mir liegt A. mit drei Tage währender Verstopfung. Was gesunderweise aus dem Körper heraus will, wird von anderen Teilen blockiert. Sicher waren diese Blockaden einmal nützlich. Jetzt sind sie es nicht mehr. Aber die ängstlichen Verhinderer arbeiten noch. Was sollen sie sonst anfangen mit sich?

Der Körper kämpft, die Temperatur wird fiebrig. Innere Globalisierung!

Hier fängt sie an, die Veränderung der Welt. Innen. Bei den eigenen dunklen und finsteren Mächten. Beim Ja-Sagen zur eigenen Aggressivität, zu den eigenen Ängsten. Um dann zu lernen, sie zu kultivieren. Ihnen ein menschliches Gesicht zu geben. So wird ein Leben in der Spannung der Pole möglich.

DSC_0767Erst danach werden wir auch die Globalisierung in der äußeren Welt schaffen. Dann können wir uns Unterschiede gestatten. Und Formen des Zusammenlebens entwickeln, die diesen unterschiedlichen Lebensweisen und Bedürfnissen Raum geben, ohne uns zu überfordern. Dazu braucht es innerliche Klarheit und freundschaftliche Grenzen.

Gutmenschentum alleine reicht nicht. Denn es verwischt Identitäten und schickt das Böse zu den andern.

2016. Was wird es bringen? Ich nehme an, die Fieberkurve der Welt wird weiter ansteigen. Und es wird ein paar Menschen mehr geben, die sich auf den Weg einer inneren (und damit auch äußeren) Globalisierung machen.