Charkiwer Erlebnissammelsurium

image‚Wir suchen das Zentrum.“ „Sie sind mittendrin!“
Wir stehen vor einem großen weiten Nichts. Charkiw rühmt sich, den größten freien Platz Europas zu haben. Bis vor kurzem war der noch bewohnt: Wladimir Iljitsch Lenin thronte auf einem großen Sockel. Von seinem Sturz blieb nur der linke Schuh verschont. Er dient jetzt als Halterung für die hellblau-gelbe ukrainische Flagge.
Rings um den Sockel steht ein Gerüst mit einem großen Plakat: Liebe Charkiwer, entschuldigt. Hier finden gerade Bauarbeiten statt.

Wir brauchen 20 Minuten, um den Platz zu umrunden. Um die Ecke gibts den Bücherladen Buks. Er wurde uns empfohlen zum Kauf eines Stadtplans. Erst vor dem Laden geht mir ein Licht auf: Oben steht „books“. Stadtpläne gibt es von fast allen ukrainischen Städten und Städtchen außer – nun ja, man ahnt es. Dafür sind die Postkarten auf dem neuesten Stand. Der Sockel des Lenindenkmals ist mit der Anmerkung versehen „Iljitsch ist gerade spazieren gegangen“.

imageUnsere Freunde entführen uns in ein von ihnen bevorzugtes Restaurant. Wir hätten es nicht gefunden, es geht erstmal durch den Flur eines Möbelladens. Die Einrichtung spricht mich nicht so an. Aber: handgemachtes Eis (ich nehme Mojito und Rauchpflaume), belgische Schokolade und ein so liebenswürdiger Eigentümer mit einem so schönen Russisch, dass es mich (wieso eigentlich?) anrührt. Serviert wird in Ruhe nacheinander, so wie er halt alles fertig bekommt. Schließlich zeigt er uns noch stolz seine frischen Kekse – mit einer so feinen, sich über sich selbst freuenden Art, dass wir natürlich zugreifen.
Die Karte zeigt auch noch etliche Mittagsspeisen. Wie er allein das alles schafft, bleibt sein Geheimnis. Beim Hinausgehen fallen mir noch die Öffnungszeiten auf: jeden Tag von 10 bis 21.

Plakat am Straßenrand: Wollen sie einen brasilianischen Po? Knackige Abbildung daneben. Und dann, wie’s geht: Handmassage, Vakuumbehandlung, Antizellulitisbehandlung.

imageUnsere Freunde wohnen im Grünen. Und in einem 5-geschossigen Wohnblock. Es erstaunt mich von neuem, wie es die Ukrainer schaffen, ihre Städte grün zu gestalten. Das heißt, gestalten ist im Grunde das falsche Wort. Es darf einfach wachsen, was wächst. Die Wiese darf noch huckelig sein, es gibt noch echte Trampelpfade, viel Gebüsch und außerordentlich viele Bäume. Oft wirkt es, als stünden die Häuser einfach mitten im Wald. So ist man schon vor der Tür in der Natur. Das macht viel fürs Klima, gerade bei der Hitze. Und es macht auch viel für die Seele. Ein erstaunlich anderes Wohngefühl.

Im Wohngebiet sind vier neue Supermärkte hintereinander. Etwa 200 Meter weiter die nächsten zwei. Fast alle haben 7 Tage die Woche 24 Stunden lang geöffnet. Vor den Märkten stehen viele kleine Buden und Kioske. Und davor wiederum sitzen und stehen dann die vielen vorwiegend Babuschkas, die ihr Gemüse und Obst verkaufen. Ein einziges riesiges Verkaufen. Mit teils enormen Preisunterschieden. Bei der Babuschka bekomme ich ein Kilo Tomaten zur Zeit für unter 5 Hriven, für das Kilo Cherrytomaten aus Holland will der Supermarkt 250 Hriven.

Besuch im riesigen Charkiwer Basar. Geschätzte 3 Quadratkilometer Bude an Bude. Neben Ukrainern viele Chinesen, einige Afrikaner. Kaum vorstellbar, dass jeder hier von seinem Verkauften leben kann. Aber irgendwie muss es ja funktionieren. Ich suche eine leichte Sommerjacke. Damit habe ich mit traumwandlerischer Sicherheit das Einzige gefunden, was es hier nicht gibt.

imageDie Metro lärmt, dass es kaum zum Aushalten ist. Die Züge kommen aller vier Minuten – und sind alle voll. Zahlreiche Reklamen an den Wänden. Vor allem für schnelle Kredite („nur 20 Minuten“) und neue Eigentumswohnungen.
Wir steigen an einer Art Freizeitpark aus. Hier ist der Rasen glatt und einheitlich, die Wege asfaltiert. Zahlreiche Kinderspielplätze, Achterbahn und andere Fahrgeschäfte, Beachvolleyballfelder, Fußballkleinfelder und sogar ein kostenloses blitzsauberes Klo. Auch eine Seilbahn gibt es. Sie bringt uns erst 24 Meter hoch über die Bäume und dann 2 Kilometer weiter zu einem Wohngebiet. Wir laufen einen Trampelpfad zurück. Urplötzlich stehen wir vor einer ausgebauten Quelle. Voller Wasserschöpf- und Badebetrieb, Eisstände, Imbissbuden.
Oh, Charkiw, was für Weltenwechsel!

Von der doch recht nahen Frontlinie ist in Charkiw nichts zu spüren. Das normale Leben will gelebt werden. Und wer weiß schon, was aus der Situation noch werden wird. Immerhin: Einige, die es sich leisten können, ziehen westwärts, verlassen die Stadt.
Wir sehen Plakate gegen Separatismus: das heutige Charkiw neben einem verbrannten Haus in Donezk. Das ist aber auch schon alles an politischer Manifestation, was uns begegnet. Eine Bekannte ruft uns erschreckt an, es habe eine Schießerei gegeben. Wir bekommen davon nichts mit.
Charkiw ist ukrainisch, aber nicht so herausgestellt wie Lviv. Alle Tageszeitungen sind russischsprachig, alle Straßennamen und offiziellen Inschriften ukrainisch. Bei Geschäften und Werbung hält es sich die Waage.
Man scheint hier recht pragmatisch zu sein.